Startseite (deutsch)
über Architektur
Planungsinfos



PETER ZUMTHOR DIE SCHÖNE LANGSAMKEIT


Peter Zumthor ist bekannt für seine berührende, archaisch anmutende Architektur, die oft mit der Entdeckung der Langsamkeit einhergeht. Zu den herausragenden Eigenschaften für sein Schaffen gehören Stille, Askese, Emotion und eine durch Licht und Schatten bestimmte Aura des Sakralen. Der Respekt vor dem Ort, handwerkliche Gründlichkeit und die Empfindsamkeit gegenüber Raum und Materialien sind in seiner Arbeit genauso zu spüren wie der Ethos Schweizer Einfachheit.


INTERVIEW: Cordula Rau
FOTO: M. Kuzmanovic


In einer Retrospektive im Kunsthaus Bregenz waren von September letzten Jahres bis Januar 2008 auf vier Ebenen Materialien zum Entstehungsprozess, Modelle, Werk- und Detailpläne zu sehen und fast alle ab dem Jahr 1986 realisierten Bauten in einer Filminstallation der Künstler Nicole Six und Paul Petritsch. Die Ausstellung zeigt im Erdgeschoss sechs großmaßstäbliche Modelle. Das Zink-Mine Museum in Norwegen besticht durch seine dem Projekt angepasste kohlengraue Landschaftsdarstellung. In das tonnenschwere Betonmodell des Kölner Kunstmuseums Kolumba und seinen mystischen Innenraum bekommt man Einblick über ein paar Trittstufen. Der geschätzte Umgang mit kostbarem Material und das Thema Schichtung zeigt sich im Klangkörper des Schweizer Pavillons auf der EXPO 2000 in Hannover, genauso wie im Schnittmodell 1/10 der Glasfassade des Bregenzer Kunsthauses, in der nicht realisierten Topographie des Terrors in Berlin oder dem roten Lichtmodell der «Poetischen Landschaft». Im obersten Geschoss des Kunsthauses erweitern lang gestreckte Arbeitstische mit unzähligen Skizzen, Farbzeichnungen, Plänen und Modellen die große Werkschau. Das Geheimnis der Bregenzer Ausstellung bilden jedoch die beiden mittleren Ebenen, die das Wiener Künstlerduo eindrucksvoll bespielt. Der Zauber der Bilder entsteht im Zusammenwirken der auf großen Leinwänden wiedergegebenen sechs gefilmten Sequenzen. Das Erleben von Raum und Zeit ist deutlich fühlbar. Peter Zumthors eigene Worte beschreiben den Eindruck vielleicht am besten: «Von den zwölf Gebäuden, die Nicole Six und Paul Petritsch gefilmt haben, sieht man oft nur Anschnitte und Ausschnitte. Dafür spürt man sie umso mehr. Die Installation vermittelt ein Gefühl für die Präsenz der Bauten in ihrer Umgebung und im Alltag, ein Gefühl für das Leben, das sich in ihnen und um sie herum abspielt. Und das ist viel.» Die Ausstellung endete am 18. Januar 2008 mit einem Vortrag, bei dem Peter Zumthor im überbordenden Bregenzer Theatersaal vor 500 Besuchern zwei Stunden lang über sein bisheriges Werk und die zukünftigen Projekte sprach. Vor diesem Vortrag erzählte er in einem persönlichen Interview von seinem Leben und Arbeiten als Architekt und seiner ihm eigenen Philosophie.


Architekt Peter Zumthor


Ihre Ausstellung im Kunsthaus Bregenz war mit 33.000 Besuchern ein großer Erfolg. Glauben Sie, dass man mit den gezeigten Filmprojektionen die Atmosphäre herstellen kann, die Sie in Wirklichkeit im Raum erzeugen?

Nein, ich glaube, das kann man nicht ersetzen. Die Atmosphäre im Raum ist hoffentlich nur im Raum möglich. Aber man kann eine eigene filmische Wirklichkeit schaffen, die der Atmosphäre der Häuser sehr nahe kommt. Und das ist dann auch eine eigene Geschichte.

Es wurden sehr viele Projekte und ein Fülle an Material ausgestellt. Gibt es auch Modelle, die für die Ausstellung konzipiert worden sind?

In der ganzen Ausstellung wurde nicht die kleinste Skizze extra für die Ausstellung gemacht. Das ist alles, wie es ist. Zum einen Teil sind es Präsentationsmodelle wie die meisten im Erdgeschoss, zum anderen Teil Arbeitsmodelle, um Lichtverhältnisse zu prüfen, beispielsweise das Betonmodell für das Kolumbamuseum. Das riesige Modell des Schweizer Pavillons mussten wir machen, um es den Schweizer Bauherren vorzustellen, damit sie zum Projekt sagen: Ja, das wollen wir.

Sie sagen immer, wichtig sei Ihnen der Ort. Wie nähern Sie sich dem Ort an, wenn Sie ein Gebäude erstellen? Haben Sie auch schon an Orten gebaut, die Sie kennen?

Der Ort ist mir sehr wichtig. Aber ich nehme an, dass ich mich an ihn annähere wie alle anderen auch (lacht). Ich gehe hin und schaue mal, was da ist. Hingehen, anschauen, fühlen je nach Erfahrung und dann nachfragen bei den Leuten. Es kommt auch immer auch auf das Kulturgebiet an, in dem ich tätig bin. In der Finnmark, in Norwegen fast am Nordpol muss ich mich auf eine andere Weise einlesen - leider auch irgendwie als Fremder. Selten baue ich an schon bekannten Orten.

Wie weit sind die Projekte von Ihrem Büro in der Schweiz entfernt?

Das reicht von Italien bis, wie bereits erwähnt, nach Norwegen in die Finnmark, dann hinüber nach New York und jetzt auch nach Los Angeles.

Können Sie etwas zum Thema Veränderung sagen? In den letzten zehn bis zwanzig Jahren haben Sie zweimal eine Kapelle und zweimal ein Museum gebaut. Wie sind die Veränderungen und Entwicklungen vom ersten zum zweiten Gebäude zu beschreiben?

Das weiß ich nicht. Ich gehe immer hin und versuche ein originales Teil zu machen, eine Autorenarbeit für diesen Ort und für diese besondere Aufgabe. Deswegen sind die Gebäude auch alle sehr verschieden. Das spürt man auch. Die Leinwand ist weiß. Das heißt, es beginnt für mich immer wieder von vorne. Wenn es da eine Entwicklung gäbe, dann wäre das vielleicht meine persönliche Entwicklung. Da gibt es natürlich schon etwas zu sagen. Die Zeitspanne der letzten 21 Jahre, das ist die Zeitspanne, von der ich denke, das bin ich. Es gibt ein paar Bauten, die älter sind. Damals war aber ich noch nicht ganz ich.

Warum waren das noch nicht Sie?

Da war ich noch geprägt von Vorbildern. Das waren Architekten aus den 60iger Jahren. In den ersten Bauten habe ich in gewissen Aspekten noch die Vorbilder gesehen. In anderen Aspekten habe ich gesehen, es gibt da keine Vorbilder: Das bin ich. Das war ein einschneidendes Erlebnis. Ich habe mich fast ein bisschen geschämt, dass ich vorher nicht ich war. Obwohl das vielleicht blöd ist, das muss man nicht. Seitdem mache ich, hoffe ich, immer das Gleiche, etwas, was mit mir zu tun hat, mit der Aufgabe, mit dem Ort und mit meiner Art und Weise die Dinge anzuschauen. Von daher ist das vielleicht eine persönliche Entwicklung, wenn man so will. Die Idee gefällt mir jedenfalls gut. Seit damals bin ich gleich. Es gab da nicht von außen ein einschneidendes Ereignis. Die ersten Bauten wurden auch schon gut wahrgenommen in der Schweiz. Aber vor 21 Jahren, ungefähr um 1986, da hatte ich selber das Gefühl: Aha, jetzt bin ich angekommen.

Das Thema Zeit ist bei Ihnen besonders wichtig. In ihrer Ausstellung hat mich persönlich vor allem die Filminstallation berührt, das Thema «entschleunigte Zeit» und die Wirkung dieser «Entschleunigung», Obwohl dort wirklichkeitsgetreu aufgenommen wird, wie man lebt, beeindruckt genau dieses «Sichtbar machen» beim Betrachten und hat auch mich eine Zeitlang «entschleunigt». Wissen Sie, was ich damit meine?

Ja klar. Das ist relativ einfach. Das eine ist, wenn Sie heute das Leben zeigen, wie es wirklich ist, dann fehlen den Leuten die Schnitte des Regisseurs und das Zusammenfassen. Auf diese Weise wird man wenig geführt und oft ist nicht genug Geduld vorhanden, um das auszuhalten. Ich glaube, dass man das spürt. Das andere ist, wir haben nicht den Fehler der Architekturstudenten gemacht, zu filmen und die Kamera zu bewegen, sondern wir haben die Kamera fixiert und haben geschaut, dass man das Leben sieht, beispielsweise den Wind in den Blättern. Das gibt dann diese schöne Langsamkeit. Andy Warhol hat das in den 60iger Jahren in New York vorgemacht, indem er 24 Stunden lang mit einer fest installierten Kamera gearbeitet hat. Das bedeutet übersetzt, nicht die Kamera zu bewegen, sondern die Zeit. Sie bewegt sich dann bildlich gesprochen um die Kamera.

Mich hat es jedenfalls berührt. Ich denke, dass Sie es zu Wege bringen, eine ähnliche Art von Empfindung auch mit IIhren Gebäuden auszulösen. Aber nun zu einem anderen emotionalen Thema, zu Ihrem Projekt Topografie des Terrors. Wollen Sie dazu etwas sagen oder ist das für Sie unangenehm?

Nein, da kann ich schon etwas sagen. Das war auch ein Teil meines Lebens. Mich ärgert dabei nur, dass man die Wahrheit nicht kennt. Die Wahrheit ist: Deutschland wollte dieses Gebäude nicht mehr.

Glauben Sie, dass das einen politischen von der finanziellen Sachlage unabhängigen Hintergrund hatte?

Klar, das ist total politisch. Die Kohlregierung sagte: «Dieses Gebäude wollen und brauchen wir nicht mehr. Wir haben unsere Schuldigkeit getan mit dem Stelenfeld und dem jüdischen Museum in Berlin. Alles andere brauchen wir nun nicht mehr.» Diese Grundstimmung hat sich immer mehr abgezeichnet. Der Bund sagte damals: «Wir übernehmen vom Land diese Kulturbauten, aber nur unter einer Bedingung: Die Topographie des Terrors, die ist zu teuer. Das produziert uns eine Riesenaufmerksamkeit auf das Thema. Vor allem haben wir damit auch 'zig Planstellen und eine halbe Million Besucher. Es gibt auch einiges, daran will man nicht erinnert werden.» Es war damals sicher eine Gemengelage von vielem. Das wirklich Ärgerliche ist nur, dass in der Öffentlichkeit hängen geblieben ist, das Projekt wurde nicht gebaut wegen eines Schweizer Architekten in den Alpen. Aber kluge Leute können sich vielleicht denken, es ist unwahrscheinlich, dass die Bundesrepublik etwas nicht macht, nur weil ein Schweizer Architekt aus den Bergen blöd tut. Da muss schon etwas anderes dahinter stecken. Ich bin dann hingegangen und habe der Kulturministerin und der neuen Bausenatorin gesagt, ob Sie sehen, dass die ganze Öffentlichkeit das auf meinem Buckel abhandelt. Man sagte mir: «Herr Zumthor, wir können nichts für Sie tun.» Und vom Vorzimmer wurde mir ausgerichtet: «Herr Zumthor, Sie sind ein guter Architekt, wir würden Sie gerne mal in der Schweiz besuchen, aber in dieser Angelegenheit können wir nicht mit Ihnen reden!»

Ein weiteres Projekt, das mich in Ihrer Ausstellung sehr beeindruckt, ist die «Poetische Landschaft». Leider wurde auch sie aus politischen Gründen nicht realisiert. Glauben Sie, dass man da noch einmal anknüpfen kann?

Das glaube ich nicht. Ich hatte das Projekt mit dem Literaturbüro in Detmold zusammen entwickelt. Es war eine einmalige Konstellation. Damals gab es eine linke Regierung im Landkreis Bad Salzuflen. Aber mit dem Regierungswechsel war das Projekt dann tot.

Sie haben ein Buch verfasst: Wie viel Licht braucht ein Mensch, um leben zu können und wie viel Dunkelheit? Können Sie das kurz anreissen?

Das ist vermutlich ein bisschen wie bei der Geschwindigkeit. Wir leben an sich die Geschwindigkeit. Und mit einem Mal müssen wir wieder ein Gefühl bekommen für die Langsamkeit und die Ruhe und das ist das gleiche beim Licht und der Dunkelheit. Im Moment wird alles immer mehr beleuchtet und beleuchtet und beleuchtet. Aber eigentlich, wenn wir unser Leben anschauen, gab es da wunderbare Schatten, Dunkelheiten und Übergänge, die uns nicht Angst machten, sondern die wir gern hatten.

Diese Mystik oder dieses Geheimnis, das Sie in Ihre Gebäude legen oder die man dort empfinden kann, berührt. Wie sehen sie das?

Viele sagen, da sei etwas Berührendes. Ich weil? es nicht. Es ist schwierig, so etwas selber auszudrücken. Ich habe gerne diese stimmungsvollen Sachen und dichte Atmosphären, die gut passen zu dem, was man darin macht. Mystisch nenne ich es aber nicht. So ist meine Arbeit. Vermutlich habe ich da ein besonderes Talent. Ich sehe das selten bei anderen Architekten. Oft denke ich, wenn ich etwas sehe: Das kann man doch nicht machen, zum Beispiel zwei Materialien verwenden, die nicht zusammen passen. Das macht die ganze Atmosphäre kaputt.

Können Sie diese Gabe Ihren Studenten in Mendrisio vermitteln?

Ich versuche es mit einem Unterricht, der das Haptische und Sinnliche berücksichtigt. Der mit der Anschauung der Dinge umgeht, wie sie wirklich sind und wie sie wirken können, bei dem Worte nicht so viel zählen. Heute sind an der Universität natürlich vor allem Worte wichtig. Ich persönlich will Architekten nur zuhören, wenn sie eine Grundidee haben. Und ist da eine starke schöne Idee, bin ich genauso bereit, auch mit einem stammelnden Architekten zu reden.

Kann man das Haptische und Sinnliche der Architektur in einer Ausstellung darstellen?

Nein. Architektur ist Architektur, Sie sind Sie. Ich kann Sie ja kaum ausstellen. Bei der Architekturausstellung stellt das natürlich ein Problem dar. Hier im Kunsthaus Bregenz bin ich aber im eigenen Haus. Ich kann ich in der obersten Ebene zeigen, wie wir arbeiten. Da ist nichts beschönigt und kein Extrathema darüber gelegt. Das ist, wie es ist. Die verschiedenen Arbeiten und Materialien sind chronologisch aufgereiht. Viele Leute interessiert es sehr, wie bei uns gearbeitet wird und wie etwas entsteht. Das zweite sind die großen Modelle, die haben eine plastische Qualität und das dritte sind die filmischen Arbeiten. Die haben alle einen eigenen Wert, aber sie treten nicht an mit dem Anspruch, die Architektur zu ersetzen.

Seit ein paar Jahren haben Sie sich Ihr Leben maßgeschneidert eingerichtet mit Wohnen und Büro in einem. Sind Sie damit zufrieden oder würden Sie das heute anders machen? Dadurch ist Leben und Arbeiten ja stark vermischt.

Das ist ja genau die Idee. Vor zwei, drei Jahren habe ich mir diesen Wunsch erfüllt. Ich konnte es mir leisten, eine Altersversorgung aufzulösen. Die war nicht groß, aber es war genug, um mir ein eigenes Gehäuse zu ermöglichen für diese Einheit von Arbeit und Leben, die offenbar zu mir gehört. Ich wusste das vorher nicht, aber man wird älter und erkennt: Das bin offenbar ich. Für mich ist es ein Privileg, so arbeiten zu können. Das Leben ist Arbeit und die Arbeit ist das Leben.


PETER ZUMTHOR
1943   geboren in Basel
1958   Lehre als Möbelschreiner
1963   Schule für Gestaltung, Basel, Vorkurs und Fachklasse
           für Innenarchitektur
1968   Architekt Kantonale Denkmalpflege Graubünden,
           Erste Restaurierungen und Umbauten
1979   Eigenes Architekturbüro in Haldenstein, Graubünden;
1996   Ehrenmitglied des Bundes Deutscher Architekten
1996   Professor an der Accademia di architettura,
           Universita della Svizzera italiana, Mendrisio



=======================================================

REVIEW PETER ZUMTHOR IM KUNSTHAUS BREGENZ


Die von September letzten Jahres bis Januar 2008 im Kunsthaus Bregenz präsentierte Retrospektive umfasste Peter Zumthors Bauten und Projekte von 1986 bis 2007. Auf vier Ausstellungsebenen wurden hierzu Materialien zum Entstehungsprozess, Modelle, Werk- und Detailpläne und fast alle in diesen Jahren realisierten Bauten in einer Filminstallation der Künstler Nicole Six und Paul Petritsch gezeigt.

TEXT: Kunsthaus Bregenz



Den Auftakt der Ausstellung bildeten verschiedene Großmodelle im Erdgeschoss. Nach der Filminstallation im 1. und 2. Stockwerk folgten als Abschluss im dritten Stockwerk Materialien und Arbeitsmodelle zu Projekten und Bauten auf langen Arbeitstischen und Podesten. Verantwortlich für die Auswahl und Präsentation im Erdgeschoss und im dritten Obergeschoss waren Peter Zumthor und Thomas Durisch, mit dem eine langjährige enge Zusammenarbeit bestand und der Kurator für diesen Teil der Ausstellung war. Dieser Teil der Schau bot damit den «inneren Blick» auf die Denk- und Arbeitsweise des Architekten. Die Filminstallation hingegen zeigte als autonome künstlerische Arbeit den externen Blick speziell auf die realisierten Bauten.

kunsthaus-bregenz-night
kunsthaus-bregenz-fassade

Die filmische Form der Zusammenarbeit mit Künstlern als zentrale Idee der Ausstellung war der Wunsch Peter Zumthors. Ihm Nicole Six und Paul Petritsch vorzuschlagen, geschah im Vertrauen auf ihre künstlerische Nähe im Werkansatz zu Grundfragen der Architektur, besonders der Bedeutung von Raum und Zeit. Die Arbeiten, die sie bekannt gemacht haben, bestehen aus einfachen Handlungen und Eingriffen, die sie mittels Film und Video dokumentieren und in Ausstellungen räumlich inszenieren. Dieses auf wenige Elemente konzentrierte Konzept reduziert die Rolle des technischen Aufwands bis an die unterste Grenze der Wahrnehmbarkeit und macht damit die unmittelbare sinnliche Präsenz von Architektur, das Erleben von Raum und den Umgang mit Zeit umso stärker als physisch psychische Erfahrung des Einzelnen sichtbar. Eine wichtige Arbeit hierfür ist die Filminstallation, die sie 2005 für die Ausstellung «Tu Felix Austria» im Kunsthaus Bregenz vor Ort realisierten. Paul Petritsch hielt sich dafür sechs Tage lang im leeren dritten Obergeschoss des Kunsthauses auf, von sechs fest installierten Videokameras aus verschiedenen Richtungen in Augenhöhe und in Realzeit gefilmt. Für die Ausstellung wurde das Filmmaterial später auf Großleinwände projiziert, die in denselben Blickrichtungen wie die Kameras aufgestellt waren. Dieses stringente künstlerische Konzept haben Nicole Six und Paul Petritsch direkt auf die Dokumentation und Projektion aller Zumthor-Bauten angewandt. Wieder sind es sechs Kameras mit festen Blickachsen und stets gleichen Abständen, und wieder sind es sechs Projektionsflächen. Der nüchterne Blick auf sich selbst in der Arbeit von 2005, das Ausgesetztsein des Künstlers im Raum und vor der Kamera, wird nun zum Blick auf die Anwesenheit der Architektur und ihrer Benutzer. Six und Petritsch verzichteten bewusst auf jede filmische Künstlichkeit, die üblichen Kamerabewegungen, Schnitte und Montagen. Damit stellt sich jedes Bauwerk auf jeweils sechs Projektionsflächen immer in 40 Minuten Echtzeit im wechselnden Licht des Tages, mit den Geräuschen des Alltags und eingebettet in die Landschaft wie von selbst vor. Die analoge räumliche Anordnung der Kameras und der Projektionsflächen ermöglichte dem Betrachter im Ausstellungsraum dieselben Blickachsen und ähnliche Bewegungen wie in der realen Architektur. Sein Sehen ist an seine eigene Bewegung im Raum gekoppelt. Anders als bei einer fotografischen Dokumentation, in der das statische Bild dominiert, werden die Faktoren Zeit und Raum als konstituierende Bestandteile für das Erleben von Architektur nun auch zu prägenden Elementen der Ausstellung. Pro Stockwerk um jeweils 20 Minuten zeitversetzt konnte der Besucher in vier Stunden Realzeit alle Bauten erleben.

www.kunsthaus-bregenz.at


deutsche Startseite

arwela 2006