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DIE RUSSLANDDEUTSCHEN

aus der Geschichte der deutschen Übersiedler

(update 30.05.06)

Die Auswanderung nach Russland, Polen und die Donauländer

Zeitchronik 1756 bis 1948

Karte "Deutsche Auswanderung nach Russland im 18. und 19. Jh." im pdf-Format (211 kb)pdf-Karte

Karte des Autonomen Gebietes der Wolgadeutschen, ca1920 (1,1 mb)

Auswanderung der Deutschen 1763-1820

Über Katharina II., die Große

Film-Dokumentation über Katharina II., die Große

Manifeste der Katharina II. für neue Siedler

Literatur zu Geschichte der Rußlanddeutschen


Die Auswanderung nach Russland, Polen und die Donauländer

(Von Ulrich Maier)
Ost- und Südosteuropa spielte als Ziel deutscher Auswanderer im 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine größere Rolle als Nordamerika. Im 18. Jahrhundert standen ca. 100 000 Amerikafahrern 400 000–500 000 Auswanderer nach Südosteuropa gegenüber (vgl. O’Reilly, 1999, S. 109). Allein aufgrund der Manifeste der Zarin Katharina II. vom 4. 12. 1762 und 22. 7. 1763 machten sich rund 30 000 Deutsche auf den Weg nach Russland und in das nach der Aufteilung Polens entstandene »Russisch-Polen«. 40 Jahre später folgten mindestens 100 000 Auswanderer in die Schwarzmeergebiete (vgl. Löwe, 1999, S. 427). Viele von ihnen kamen aus Süd- und Südwestdeutschland. Die Russlandfahrer wurden auf Kosten der russischen Regierung per Schiff nach St. Petersburg gebracht, wo sie den Untertaneneid ablegten. Dann ging die Reise weiter nach Saratow an der unteren Wolga, wo ihnen ihre neuen Siedlungsgebiete zugewiesen wurden.
* * *
Preußische Agenten warben gegen Ende des 18. Jahrhunderts für die Auswanderung nach »Preußisch-Polen«. Auf den neu errichteten staatlichen Domänen wurden zwar auch Polen, aber vor allem vielen württembergischen Auswanderern Kolonistenstellen übertragen. Als Vorteile galten der kurze Reiseweg, die Popularität Friedrichs des Großen und die Tatsache, dass hier bereits seit dem späten Mittelalter Deutsche als Kolonisten siedelten und die deutsche Sprache, vor allem in den Städten, weit verbreitet war. Auch schied das Risiko feindlicher Überfälle im Gegensatz zu Südrussland oder Südungarn aus. Gleichzeitig setzte die Auswanderung Donau abwärts in die ehemals osmanischen Gebiete der Habsburgermonarchie ein. Die Siedler kamen vor allem aus den vorderösterreichischen Gebieten am Oberrhein und aus Oberschwaben – ihnen war eine Auswanderung nach Russland oder Preußen strikt verboten – aber auch aus Württemberg, besonders aus den Ämtern Balingen, Biberach, Brackenheim, Herrenberg, Geislingen, Neckarsulm, Rottweil, Spaichingen, Sulz, Tübingen, Tuttlingen, Vaihingen und Weinsberg (Fata, 1999, S. 398). Abgeschlossen wurde die organisierte Einwanderung in diesen Raum mit dem Ansiedlungsprojekt des siebenbürgischen Pfarrers Stephan Ludwig Roth, der auf kirchlichem Besitz in Siebenbürgen 1848 ca. 2000 Württemberger ansiedelte, vorwiegend aus dem württembergischen Unterland, dem Schwäbischen Wald und von der Schwäbischen Alb. Die Massenauswanderungen nach Ost- und Südosteuropa zwischen der Mitte des 18. und der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden »Schwabenzüge« genannt.


Motive der Auswanderer

Bereits kurz nach Beginn der Auswanderungswelle machten sich die Behörden Gedanken über die Motive der Auswanderer. Der badische Staatswissenschaftler Justi nannte 1760 »Drey Hauptursachen […]. Die erste und hauptsächliste ist wohl ohne Zweifel eine üble Beschaffenheit der Regierung […]. Die zweyte Hauptursache bestehet in dem Mangel der Gewissensfreiheit […]. Die dritte Ursache der Auswanderung ist endlich der Mangel an Nahrung im Lande.« (zit. n.: Fertig, 1999, S. 84) Damit sind bereits wesentliche Gründe genannt, ein wichtiger Aspekt wäre aber zu ergänzen: die Belastung durch die fortwährenden Kriege Frankreichs gegen das Reich, wobei Südwestdeutschland Aufmarsch- und Kriegsgebiet war. Außerdem hatten die Gemeinden durch Sonderabgaben stark zu leiden (vgl. Tuchtenhagen, 1999, S. 152); ( L1, L2 , vgl. auch III.1: Auswanderung nach Nordamerika im 18. und 19. Jahrhundert: L1 und L2). Auch religiöse Motive wären zu nennen, die etwa bei den schwäbischen Separatisten eine große Rolle spielten. Was versprachen sich die Auswanderer von den Aufnahmeländern? In erster Linie relativ ausgeprägte Autonomie, Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs, Steuerfreiheit, Befreiung vom Militärdienst und günstigen Landerwerb. Aufgrund des Kaufkraftgefälles konnte man für den beim Verkauf des Besitzes in der Heimat erzielten Preis häufig ein wesentlich größeres Gut erwerben. Auch die Versprechungen der Werber und Auswandererbriefe spielen hier eine große Rolle (L3, L4).


Wege der Auswanderer

Die Auswanderer nach Russland zogen größtenteils über Land nach Lübeck, wo sie sich in einem Lager sammelten. Über die Ostsee führte der Weg nach St. Petersburg und dann über Land an die Wolga.
Werber in russischen Diensten waren in den Hauptauswandergebieten unterwegs und erhielten für jeden gewonnenen Auswanderer eine Kopfprämie. Teilweise versuchten sie auch den Auswandererstrom umzulenken. So wird von Werbern in Ulm berichtet, die den Auswanderungswilligen vor den Toren der Reichsstadt die Pässe abnahmen, in denen als Ziel Ungarn eingetragen war. Ein Werbeunternehmer aus Reutlingen lotste zum Beispiel diese Leute in sein Quartier in der »Goldenen Sonne«, zahlte ihnen ein Handgeld, lockte mit viel günstigeren Bedingungen und überredete sie zur Auswanderung nach Russland. Dann änderte er die Pässe und stellte Gruppen für die Reise nach Lübeck zusammen (Schippan, 1999, S. 48).
Am kürzesten war der Landweg in die neuen preußischen Gebiete Polens, nach Süd- und Westpreußen. In der Gegend von Lodz entstanden Schwabenkolonien, die bis 1945 bestanden.
Ulm war hauptsächlicher Versammlungsort für die Auswanderer nach Ungarn, Siebenbürgen oder das Schwarzmeergebiet. Auf großen Flusskähnen, den »Ulmer Schachteln« (L5), fuhren die Auswanderer zunächst nach Wien, von dort weiter nach Budapest. Dort begann der Weg über Land in die Siedlungsgebiete Ungarns und Siebenbürgens (L6, L7). Auswanderer in die Gebiete am Schwarzen Meer fuhren weiter Donau abwärts und schließlich über das Meer nach Odessa, auf die Krim oder noch weiter nach Osten in die Kaukasusregion.


Gescheiterte Aus- und Rückwanderung

Auswanderung konnte auch scheitern. Vor allem dann, wenn die Auswanderer mittellos waren. Denn nur in der allerersten Phase gewährten die Aufnahmeländer großzügige Kredite und Landzuweisungen. So wurde mancher Auswanderer überrascht, wenn er bei der Einreise ein Mindestvermögen vorweisen mußte. Andere fielen auf Werber herein, die eine inoffizielle »wilde« Einwanderung, ohne Rücksprache mit den Behörden des Aufnahmelandes, durchführten, sich aber von den Auswanderern gut bezahlen ließen.
In der Heimat erwartete die Rückwanderer häufig Hohn und wenig Bereitschaft, die aus dem Untertanenverband entlassenen Staatenlosen wieder aufzunehmen (L9). Häufig fristeten sie ihr Leben als Tagelöhner und Bettler. Insgesamt blieben die Rückwandererzahlen aber eher niedrig.


Ansiedlung und Integration in den Zielländern

Die Ansiedlung erfolgte meist geschlossen nach Konfession. In den Ländern der Habsburgermonarchie wurden vorwiegend katholische Auswanderer vor allem im westlichen und südlichen Ungarn, Protestanten in Siebenbürgen angesiedelt. Allerdings gab es auch protestantische Ansiedlungen auf den privaten Gütern des calvinistischen Adels in Ungarn. Auch in Russland garantierte man zwar von Anfang an den anzuwerbenden Neusiedlern Religionsfreiheit, achtete aber ebenfalls auf konfessionell homogene Dörfer.
Sowohl in Südrussland als auch in Ungarn mußten die Kolonisten mit feindlichen Überfällen rechnen. So sank an der Wolga in den ersten 10 Jahren die Zahl der Neusiedler um über 7000 Personen. Kirgisische und baschkirische Nomaden überfielen die Dörfer und verkauften die Bewohner nach Buchara in die Sklaverei. 1777 und 1784 konnte die russische Regierung zwar einen Teil von ihnen wieder freikaufen, aber die Bedrohung auch durch Flußpiraten und Räuberbanden sowie durch Kosaken und Tataren blieb.
Serbische Räuberbanden bedrohten die Schwabendörfer in Ungarn (L8). Im Gebiet der Militärgrenze wurden Kolonistendörfer außerdem mehrfach von Türken verwüstet. Die deutschen Siedlungsgebiete blieben im Wesentlichen bis zu ihrem Ende im Zweiten Weltkrieg in sich abgeschlossen (L10 ). Die eigene Kirchenorganisation spielte dabei ebenso eine Rolle wie die Beziehung zu deutschen Oberschichten in den Städten und in der Verwaltung. Das gilt vor allem in Polen und Ungarn. Allerdings setzte in Ungarn in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine starke Magyarisierungsbewegung ein, die auch auf die Bereitschaft eines Teils akkulturationsbereiter Deutschstämmiger stieß. Doch dominierte das in der Regel friedliche Zusammenleben der verschiedenen Ethnien.


Die Rückkehr

Nach dem Zweiten Weltkrieg mußten viele Nachfahren deutscher Auswanderer ihre Heimat in Ost- und Südosteuropa verlassen. Vertriebene und Flüchtlinge aus Ungarn, Jugoslawien und Rumänien wurden in großer Zahl auch in Südwestdeutschland aufgenommen und bald integriert (Vgl. IV. 2: Vertriebene). Spätaussiedler aus Russland und Rumänien folgten, besonders nach dem Ende der Sowjetunion. Manche von ihnen sind – teilweise ohne dass es ihnen bewußt ist – in die Heimat ihrer Ahnen zurückgekehrt, beispielsweise die Familie Zimmermann aus Gronau (L11).



LINKVERWEISE:

L1 - Ein Jahrhundert Krieg

1688
Französische Heere unter Montclar und Melac verwüsten große Teile Badens und Württembergs.

1692
Französische Heere unter Lorge verwüsten Städte im Nordschwarzwald. Anschließend werden Reichstruppen im Land einquartiert.

1693
Französische Heere zerstören einen Großteil Württembergs und verbrennen Marbach, Beilstein, Großbottwar, Backnang, Winnenden und Vaihingen, insgesamt 40 Ortschaften gehen in Flammen auf.

1702
Im spanischen Erbfolgekrieg fallen bayerische Truppen in Württemberg ein und werden zurückgeschlagen.

1707
Ein französisches Heer unter General Villars fällt in Württemberg ein und wird zurückgeschlagen.

1713
General Villars erobert den Breisgau und Freiburg.

1733
Bei Esslingen sammelt sich ein Heer unter der Führung Prinz Eugens für den polnischen Erbfolgekrieg. Ein französisches Heer rückt über den Rhein vor. In Mergentheim, Heilbronn und Esslingen stehen russische Truppen.

1741 bis 1748
Während des österreichischen Erbfolgekriegs ist Südwestdeutschland Durchmarschgebiet für Reichstruppen und französische Heere.

1756 bis 1763
Im Siebenjährigen Krieg ist Südwestdeutschland Durchmarschgebiet für österreichische Heere. Aushebungen im Zusammenhang mit dem Reichskrieg gegen Preußen. Württemberg stellt für das französische Heer Truppen.

1786
In Württemberg ausgehobene Soldaten werden an Holland »verkauft«.

1796
Französische Heere unter Jourdan und Moreau dringen in Baden und Württemberg ein.

1799
Erneutes Vordringen der Franzosen nach Südwestdeutschland

L2 - Aus einem Beschwerdekatalog der Untertanen des Klosters Schwarzach, 1724

Mit den Fronen werde seit einiger Zeit ein derartiger »Exzess« getrieben, »also dass, wenn damit fortgefahren werden sollte, sie nit in Stand, ihren eigenen Äckern, Hauswesen und Nahrung vorzustehen«. Ohne Bewilligung der Herrschaft dürfe niemand heiraten. »Denen Kranken wurde auch vorgestellt, dem Gotteshaus manchmal mehr zu vermachen, als in ihrem Vermögen sei. « Steuern würden auf die Gemeinden abgewälzt, ohne dass ihr Rechnung gelegt würde. Der Schultheiß sei dem Kloster verpflichtet. Das Kloster beanspruche ein Vorkaufsrecht auf Vieh, Kühe und Kälber.

Zitat nach: Hartmut Zückert: Die sozialen Grundlagen der Barockkultur in Süddeutschland. Fischer, Stuttgart - New York 1988, S. 8

L3 - Ein polnisch Lied an die Württemberger, die nach Preußisch-Polen auswandern (anonym, um 1781)

Jetzund ist es ausgemacht,
Dass der Marsch geht hin nach Polen;
Man hat es herausgebracht,
Dass man kein zurück darf holen;
Tretet eure Reise an
In das polnisch Canaan!
Allhier ist es nimmer gut,
Dort in Polen ist es besser,
Fasset einen guten Mut!
Dort gibt es auch volle Fässer.
Bei dem Bier und Branntewein
Kann man auch vergnüget sein.
Was hilft euch der edle Wein?
Ihr dürft doch sehr wenig trinken!
Wollt ihr hier gleich lustig sein,
Müsst ihr an die Schulden denken.
Diese plagen euch alle Tag,
Dass man nimmer leben mag.
Was soll doch der arme Mann
Hier auf solche Art anfangen,
Weil er sich nicht helfen kann?
Viel tut man von ihm verlangen,
Dass er mit sei’m sauren Schweiß
Fast nichts aufzutreiben weiß.
[…]
Nun so lasset uns fein bald
Reisen in das preußisch Polen,
Weil man dorten in dem Wald
Kann viel Wachs und Honig holen.
Honig in dem Branntewein,
Das mag auch recht köstlich sein.
Honig ist recht zuckersüß,
So kann nichts gefunden werden.
Drum so hebe auf die Füß,
Springe über Stein und Erden
In das polnisch Canaan,
Wo man Honig g’nug trifft an.

Zitat nach: Karl Moersch (Hrsg.): Ein Untertan, das ist ein Tropf. Politische Lieder der Schwaben aus zwei Jahrhunderten. Verlag Günther Neske, Pfullingen 1985, S. 35 ff.; © Moersch, zu beziehen über DRW-Verlag

L4 - Auswanderung nach »Preußisch Polen«

Friedrich der Große suchte deutsche Siedler für die polnischen Gebiete, die er Preußen einverleibt hatte. Michael Angerhofer aus Althengstett schrieb 1781 aus seiner neuen polnischen Heimat seinen Verwandten im Schwarzwald:

»Was unsere Reise anbelangt, ist alles glücklich von statten gegangen. Der Engel des Herrn ist von Haus aus bei uns gewesen bis an unsern Ort und Stelle, wie bei dem jungen Tobias. Er hat uns alle frisch und gesund hin- und hergeführt auf der Reise. In Magdeburg haben wir den königlichen Pass bekommen, in Potsdam ein Memorial machen lassen, dem König selbst in die Hände gegeben. Da waren wir drei Tage gelegen. Von da aus auf Berlin an die Kammer gewiesen worden. Vier Tage da gelegen und vier Taler Reisegeld bekommen – so bekommt es eine jede Familie. Von da aus nach Bromberg geschickt in die Kammer, wieder drei Tage da gelegen, von da aus wieder nach Marienwerder in die Kammer gewiesen worden, wieder vier Taler Reisegeld bekommen, von da aus wieder zurück, 16 Stund auf Klein-Schüßgen zu wohnen, eine Stunde von Kulm. […]
Der Engel des Herrn gab mir ein Einsehen, wieder über die Weichsel zu gehen und ein Gut zu besehen. […]
Das Gut ist ein Pfaffengut gewesen oder ein Erbpachtsgut. Es hat alle Freiheiten, keine Soldaten, keinen Frondienst, keine Zehnten, die Jagd auf dem Gut. Was man will kann man pflanzen. Solches Gut hab ich vom Herrn Kriegsrat in Kulm gekauft um 650 Gulden.«

Zitat nach: Max Miller: Die Auswanderung der Württemberger nach Westpreußen und dem Netzegau 1776–1786. Veröffentlichung der württembergischen Archivverwaltung, 1/1935, S. 31 f.

L5 - Nachbau einer »Ulmer Schachtel« am Donauufer in Neu-Ulm

donauschiff
Foto: Ulrich Maier
Solche Schiffe fuhren regelmäßig zum Güter- und Personentransport auf der Donau von Ulm bis Wien. Das »Ordinarischiff « ging sonntags oder montags, außer im Winter. Bis Wien dauerte die Fahrt im Sommer 8 bis 9 Tage, im Frühjahr und Herbst bis zu drei Wochen. Die Ulmer Schiffsleute bezeichneten ihre Schiffe als »Zillen«. Ein Schiff konnte eine Nutzlast bis zu 100 Tonnen tragen. Hunderttausende von Auswanderern fuhren im 18. und 19. Jahrhundert auf solchen Schiffen in ihre neue Heimat in Südosteuropa.

L6 - Reisekarte aus dem Jahre 1847 für die Auswanderung in die Donauländer

Reisekarte Auswanderung 1847
Aus: Beer/Dahlmann, Migration nach Ost- und Südosteuropa vom 18. Jahrhundert bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Thorbecke, Stuttgart 1999, S. 410; Quelle: Peter Wolff: Führer und Rathgeber auf der Reise nach Ungarn und Siebenbürgen. Reutlingen 1847

L7 - Von Württemberg nach Siebenbürgen

In einem Brief vom 28.6.1913 erinnerte sich Josefa Bahmüller an die Auswanderung mit ihren Eltern und acht Geschwistern 1846 aus Plüderhausen (Rems-Murr-Kreis) nach Siebenbürgen:
»Liebe gute Kinder, ich setze euch zur Erinnerung an unsere Reise, was ich weiß von 12 Jahren an, wie es bei uns war im Jahr 1844, dass eine sehr große Teuerung war, indem der Hagel in sieben Feldern alles zerschlagen hatte. […] Oh, wenn ich nur denk, wie schwer es den armen Eltern und Großeltern war, die Heimat zu verlassen! Wie wir haben abreisen sollen, so war der arme Vater nicht da. Er war auf einmal in unser Haus zurück und wollte gar nicht mitkommen. […] Und wie wir in Bayern in Donauwörth ankamen und wir das neue Bretterschiff sahen, so wollte der Vater nicht einsitzen. Da kamen Herren und haben ihn beredet, er sollte sich doch nicht fürchten und so kamen wir bis nach Wien. […] Dann kamen wir nach Pest [Budapest], da suchte der Vater Fuhrleute. Vierzehn Tage sind wir auf der Donau kommen und vier Wochen zu Land, da war es auch sehr schlecht, kein Holz zum Feuer machen. Die Mutter mußte mit Stroh uns ein wenig Suppe kochen für uns viele Kinder. Mit dem ungarischen Fuhrmann konnten wir kein Wort sprechen. Da kamen wir in so ein Räuberschank-Haus, da wollte man uns bei der Nacht unser bissel Geld nehmen. […] Wenn man uns das Geld gestohlen hätte, was hätten wir auf der Puszta gemacht? Keinen Schritt hätten wir weiter können, dort hätten wir vor Hunger sterben müssen. Mit dem Fuhrmann kamen wir bis Hermannstadt. Da bekamen wir einen Fuhrmann, der war von Alzen. Der gab uns das Nachtmahl und Frühstück und dann fuhr er mit uns […] in unsere Heimat.«

Zitat nach: Balduin Herter, Württembergische Einwanderer in Siebenbürgen um die Mitte des 19. Jahrhunderts, in: Beer/Dahlmann, Migration, S. 409.

L8 - »Der Erste hat den Tod, der Zweite die Not, der Dritte das Brot«

a) Amtlicher Bericht an die Adelsversammlung der Baranya:
»19. Mai 1749: Berichte, dass diesen Montag eine Stunde oberhalb Tolna die Räuber einem Esseker Handelsmann 700 Gulden bares Geld und selbigen Abend in dem Dorf S.Georg genannt, einem Weib bis 600 Gulden weggenommen, über dieses ihr mit der Hacke in den Kopf gehaut und bei diesen zwei Rauben sind fünf Personen umgebracht worden. Den Freitag drauf ein mit Deutschen beladenes Schiff, welches aus Deutschland gekommen, und in Ungarn sich niederlassen wollten, angegriffen, ausgeraubt und 59 Mann ermordet haben. Vorgestern sind die Räuber zu Nyek, welches Dorf 1⁄4 Stunde von Battasek gewesen, Brot allerorten mit Gewalt weggenommen und in der Nacht über die Scharabis herübergegangen und in die Wälder sich verschlossen. Es sind wohl Bauern beordert, sie aufzusuchen, Gott weiß aber, wo sie solche in ihren Schlupfwinkeln finden werden.«

b) Schutzgelderpressung
Am 15. Februar 1745 wurde Pfarrer Andreas Schronz zu einem Treffen mit einer Räuberbande aufgefordert, wenn ihm »sein Leben und das der Schwaben aus Boly teuer« sei. Er berichtete darüber:
»Der Anführer der Räuberbande richtete erbittert seine Augen gegen den Himmel und schwur gräulich, dass, wenn die Bolyer auf jenen Tag, welchen sie jetzt bestimmen werden, die 25 Gulden hinausschicken, wird ihnen kein Leid widerfahren, wenn sie auch die Nachbardörfer alle ausrauben und Leute foltern, sollen sie nur sagen, dass sie aus Boly sind, so müssen sie sich vor ihnen nicht fürchten.«

Zitat nach: Karl-Peter Krauss: Ansiedlung als Prozess. In: Beer/Dahlmann, Migration, S. 305–306.

L9 - Gescheiterte Auswanderung

Bericht eines 1817 nach Russland ausgewanderten Webers aus Botenheim:
»In der Verzweiflung, wie ich mich, mein Weib und meine 5 Kinder ohne Vermögen und Arbeitsverdienst in den drückenden Zeiten der Teuerung ehrlich sollte durchbringen können, entschloss ich mich vor einem 3⁄4 Jahr zur Auswanderung nach Russland. Nachdem wir uns bis 36 Meilen hinter Warschau fortgesetzt hatten, wurden wir an der russischen Grenze zurückgewiesen, weil ich mich über den Besitz des nach einer neuerlich erst ergangenen Verordnung zur Ansiedlung erforderlichen Vermögens nicht legitimieren konnte. Da ich auch in Polen keine Unterkunft fand, so mußte ich wieder in meine verlassene Heimat zurückziehen, wo mir zwar von den Ortsvorstehern der Aufenthalt wieder gestattet, hingegen von allen Inwohnern gleich zu erkennen gegeben wurde, dass sie für den Unterhalt meiner Familie nicht Rat zu schaffen wüssten.«

Zitat nach: Marionela Wolf: Württembergische Rückwanderer. In: Beer/Dahlmann, Migration, S. 281.

L10 - Integration und Identität

a) Adolf Grünhold, Reise in die Baranya, 1844:
»Der Markt Bátaszék, durch welchen wir fuhren, ist fast von lauter deutschen Colonisten bewohnt. Überhaupt wohnen in dieser Gegend viele Deutsche, daher die Ungarn diesen Landstrich gewöhnlich die »Schwäbische Türkei« nennen. Es ist bekannt, dass die Deutschen in Ungarn schlichtweg »Schwaben« genannt werden.«

Zitat nach: Donauschwäbisches Zentralmuseum Ulm

b) 1844 schrieb der Budapester Journalist Eduard Glatz über seine Landsleute in Ungarn: »Welche Empfindungen sollen bei der zweiten, dritten Generation für Deutschland rege werden, wenn sie sich erinnert, dass ihre Eltern und Voreltern diesem Lande entsprossen sind? Für die Nachkommenschaft ist Deutschland ein völlig fremdes Land, auf das sie, da sie von selbem weder Gutes empfängt, noch Schlimmes zu befürchten hat, gleichgültig hinblickt. […] [Die Deutschstämmigen] fühlen sich als Ungarn, wenn auch der gemeine Mann kaum dazu kommt, sich von diesem Gefühle Rechenschaft zu geben – sie verwachsen mit allen einheimischen Interessen, sie ungarisieren sich in staatsbürgerlicher Beziehung sowohl, als auch in sozialer […]; für sie ist längst das Mutterland zum Auslande geworden.«

Zitat nach: Márta Fata: Deutsche Immigranten im ländlichen Ungarn. In: Beer/Dahlmann, Migration, S. 404

c) Béla Bartók, ungarischer Komponist (1881–1945), über das Zusammenleben von Donauschwaben und Ungarn zu Beginn des 20. Jahrhunderts:
»Bei den Bauern gibt es keine Spur von grimmigem Hass gegen andere Völker und hat es nie gegeben. Sie leben friedlich nebeneinander, jeder spricht seine Sprache, hält sich an seine eigenen Gebräuche und findet es ganz natürlich, dass sein anderssprachiger Nachbar das gleiche tut.«

Zitat nach: Donauschwäbisches Zentralmuseum Ulm

L11 - Auswanderung und Rückwanderung

Der Weg von fünf Generationen der Familie Zimmermann:
1. Generation:
Georg Simon Zimmermann, Weingärtner und Bauer in Gronau (Kreis Heilbronn), wanderte 1832 mit seiner Ehefrau Susanne und seinen drei Kindern Johann Gottlieb (18 Jahre), Balthasar (14 Jahre) und Christine (11 Jahre) und einem Vermögen von 800 Gulden nach Russisch-Polen aus und zog von dort nach Bessarabien weiter.
2. Generation:
Balthasar Zimmermann, geboren in Gronau am 1. 4. 1818, gestorben in Friedenstal (Bessarabien) am 14. 10. 1892; Bäckerlehre in Odessa, Kolonist in Friedenstal.
3. Generation:
Johann Gottlieb Zimmermann, geboren in Friedenstal (Bessarabien) am 27. 4. 1846, gestorben ebendort am 31. 3. 1929; Bauer und Schmied.
4. Generation
Johann Zimmermann, geboren in Friedenstal am 18. 5. 1869, gestorben auf Gut Czarnopole in Piontek (Warthegau) am 8. 5. 1944; Bauer und Schmied, Umsiedlung 1940 und Neuansiedlung auf Gut Czarnopole.
5. Generation
Georg Zimmermann, geboren in Friedenstal am 16. 5. 1900, gestorben in Ludwigsburg am 12. 2. 1975. Nach der Flucht vor der Roten Armee 1944/45 Ankunft in Gronau mit Pferdegespann am 1. 4. 1945. Das Haus in Gronau wurde nur eine Woche später am 8. 4. 1945 durch Luftangriff stark zerstört. Wiederaufbau des alten Familienanwesens.

Nach: Landkreis Ludwigsburg (Hrsg.): Die Eingliederung der Vertriebenen im Landkreis Ludwigsburg. Ein Rückblick auf die vier Jahrzehnte seit 1945. Landratsamt Ludwigsburg 1986, S. 40 f.



Zeitchronik

1756-1763

Siebenjähriger Krieg, u. a. Auseinandersetzungen zwischen Preußen und Rußland.

5.1.1762

Tod der Zarin Elisabeth I., Nachfolger Zar Peter III., Enkel Peters des Großen. Mit ihm setzt sich die Romanow-Dynastie in der deutschen Linie Romanow-Holstein-Gottorp (Schleswig) fort. Er heiratete 1745 als Herzog Karl Peter Ulrich von Holstein-Gottorp (Haus Oldenburg) die Prinzessin Sophie Friederike Auguste von Anhalt-Zerbst.

19.6.1762

Friedensschluß zwischen Preußen und Rußland.

17.7.1762

Ermordung von Peter III. Seine Gattin steigt als Katharina II. auf den russischen Thron.

22.7.1763

Manifest von Katharina II. der Großen mit dem Aufruf an Ausländer zur Einwanderung nach Rußland.

19.3.1764

Kolonialkodex: Festlegung der Agrarordnung in den Kolonialgebieten.

1764-1768

Massenansiedlung im Wolgagebiet; die Einwanderer stammen überwiegend aus Hessen.

29.6.1764

Nishnaja Dobrinka wird als älteste wolgadeutsche Kolonie gegründet, 1765 Balzer.

1765

Anhänger der Herrnhuter Brüdergemeinde, 1727 entstanden in der sächsischen Oberlausitz, lassen sich in Sarepta, nahe Zaryzin, mit der Aufgabe der Kalmückenmission nieder.

1765-1767

Anlage der "Nördlichen Kolonien" im Umkreis von St. Petersburg durch Hessen, Preußen, Württemberger (Schwaben) und Badener.

1765-1766

Gründung von Riebendorf bei Woronesh durch Schwaben und der Belowesh-Kolonien bei Tschernigow durch Hessen und Rheinländer.

1782-1783

Deutsche Kolonisten aus der Danziger Gegend siedeln im Schwarzmeergebiet, 1782 bei Cherson, 1783 bei Jekaterinoslaw (Dnjepropetrowsk).

1786-1789

Gründung von Alt-Danzig (1786), Fischerdorf und Josefstal bei Jekaterinoslaw durch Preußen und Schwaben.

1787-1791

Westpreußische Mennoniten gründen sechs Niederlassungen in Wolhynien.

Juni 1789

Mennoniten wandern nach "Neurußland" ein und gründen Chortitza ("Iltisbau") am Dnjeprufer. In St. Petersburg leben rund 17.000 Deutsche.

1794

Gründung der Hafenstadt Odessa.

6.9.1800

Gnadenprivileg Pauls I. zugunsten der Mennoniten; danach gründen sie die Halbstädter Kolonien und Gnadenfeld.

1802-1859

Fast 110.000 Deutsche wandern in den Süden Rußlands (Schwarzmeergebiet) ein, darunter ein hoher Anteil von Schwaben (Württemberger) und Alemannen (Elsässer und Badener).

1803

Ansiedlung von Deutschen (meist Schwaben) in Odessa. Gründung einer evangelischen Gemeinde. Großliebentaler Kolonie und Neusatz auf der Krim von Schwaben aus Calw gegründet.

20.2.1804

Manifest Alexanders I. Einladung zur Ansiedlung Deutscher im Schwarzmeergebiet; Freistellung vom Militär.

1804

Prischiber Kolonien in Taurien bei Halbstadt und Liebentaler Kolonien bei Odessa durch Badener, Elsässer, Pfälzer und Schwaben gegründet.

1804-1810

Schwaben, Badener, Elsässer und Schweizer siedeln auf der Krim.

1808-1809

Kutschurganer und Glückstaler Kolonien im Odessagebiet von Badenern, Elsässern und Pfälzern gegründet.

1809-1817

Beresaner Kolonie; unter den Siedlern sind auch Bayern.

1812-1813

Vaterländischer Krieg. Türkei muß Bessarabien an Rußland abtreten. Napoleon zieht in Moskau ein und wird anschließend geschlagen.

1814-1815

Wiener Kongreß ("Neuordnung Europas"); Zar Alexander I. erhält als König von Polen das Gebiet Warschau ("Kongreß-Polen").

1814-1824

Deutsche Ansiedlung in Bessarabien. Die Einwanderer bestehen hauptsächlich aus Schwaben, Pfälzern, Bayern, Mecklenburgern, Pommern, Schlesiern, Brandenburgern, Deutschen aus dem Warschauer Raum sowie einigen Sachsen. Gründung von Wittenberg (1814) und Leipzig (1815).

1816-1861

Westpreußen, Rheinländer, Pfälzer und Schwaben wandern in Wolhynien ein.

1816-1818

Landnahme von schwäbischen Separatisten im Südkaukasus.

1822-1831

Schwaben gründen Kolonien bei Berdjansk.

1823-1832

Katholiken und Lutheraner, vorwiegend aus Schwaben, gründen die Planer, Grunauer und Mariupoler Kolonien am Nordrand des Asowschen Meeres.

1831

Gründung von Neu-Stuttgart im Kaukasus.

9.11.1838

Zar Nikolaus I. bestätigt die Privilegien der Kolonisten.

1842

Kodifizierung aller Freiheiten, Pflichten und Rechte der Kolonisten; Verleihung der Bürgerrechte im ganzen Zarenreich.

1853-1856

Krimkrieg. Rußland erleidet empfindliche Einbußen. 1855 Fall von Sewastopol.

1854-1861

Mennoniten aus Westpreußen gründen Kolonien bei Samara.

1861

Aufhebung der Leibeigenschaft über die russischen Bauern.

1863

Einwanderung von Schlesiern und Warschau-Deutschen nach Wolhynien.
Hiermit endet 100 Jahre nach dem Manifest von Katharina II. im großen und ganzen die deutsche Einwanderung nach Rußland.

1867

2. Slawenkongreß in Moskau; Erstarken des Panslawismus (1826 von J. Herkel geprägter Begriff) unter russischer Führung.

1869-1873

Kronau-Orloff, Tochterkolonien von Prischiber und Halbstädter Mennoniten, gegründet.

18.1.1871

Gründung des Deutschen Reiches durch Bismarck.

4.6.1871

Aufhebung des Kolonialstatuts durch die Zarenregierung Alexanders II. Abschaffung der Selbstverwaltung der deutschen Gebiete. Beginn der Auswanderung nach Nordamerika.

1872-1873

Rund 13.000 Mennoniten wandern nach Nordamerika aus.

13.1.1874

Allgemeine Wehrpflicht eingeführt. Den Mennoniten bietet man als Ersatz den Dienst im Forstwesen an.

1874

Vermehrte Auswanderung nach Nord- und Südamerika.

1877-1878

Russisch-türkischer Krieg. Erster politischer Erfolg des Panslawismus. Deutsch-russische Entfremdung.

1879

Lage der Deutschen in Rußland durch Bündnis Deutschlands mit österreich verschlechtert.

13.3.1881

Thronbesteigung Alexanders III. Nach der Ermordung Alexanders II. beginnende Russifizierung durch einen offen gegen Deutschland gerichteten "Panrussismus".

1882

Deutsche Siedlungen (Tochterkolonien) bei Pischpek (Frunse) und Aulie-Ata (Dshambul) in Russisch-Turkestan.

1884

Deutsche Siedlungen bei Chiwa südlich des Aralsees.

1885

Gründung der evangelisch-lutherischen Kirche in Taschkent.

1887

Manifest Alexanders III.: "Rußland muß den Russen gehören."

1891

Obligatorische Einführung des Russischen als Unterrichtssprache an den Schulen.

1893

Eine Welle des "Russismus" setzt ein. Die Namen der deutschen Siedlungsgebiete werden teilweise russifiziert.

1894

Der letzte russische Zar Nikolaus II. aus dem Hause Romanow-Holstein-Gottorp gelangt auf den Thron.
Deutsche Siedlungen (Tochterkolonien) bei Orenburg.

1895

Deutsche Siedlungen bei Akmolinsk (Zelinograd) in der kasachischen Steppe.

1897

Nach einer Volkszählung leben 390.000 Deutsche an der Wolga, 342.000 im Süden Rußlands, 237.000 im Westen Rußlands und 18.000 in Moskau.

1901-1911

Rund 105.000 deutsche Siedler wandern aus Rußland nach Amerika aus.

1903

Verbot der deutschen Ansiedlung in Turkestan. Judenpogrome in Bessarabien (Kischinjow).

1904-1905

Russisch-japanischer Krieg. Niederlage Rußlands führt zu teilweiser Liberalisierung. Siedlungsstrom nach Sibirien in die Gebiete Omsk und Tomsk.

1906-1910

Agrarreform durch Ministerpräsident Stolypin (ermordet am 18.9.1911 in Kiew).

1906-1907

Deutsche Siedlungen bei Ufa im Westural (1906) und bei Aktjubinsk im Südural (1907).

1908

Geschlossenes deutsches Siedlungsgebiet bei Slawgorod in der Kulunda-Steppe.

1909

Gemäß dem Stolypin'schen Gesetz wandern massenweise neue Siedler nach Westsibirien und Nordturkestan und gründen neue Tochterkolonien (Pawlodar, Karaganda, Nowosibirsk, Krasnojarsk, Irkutsk u.a.).

1914

Nach einer Volkszählung leben in Rußland insgesamt 2.416.290 Deutsche. Ohne das Baltikum, Ostpolen und Wolhynien sind es allein in Zentralrußland über 1.700.000 Deutsche.

1.8.1914

Beginn des I. Weltkrieges. Das Deutsche Reich wird zum Feind des Zarenreiches erklärt. Etwa 300.000 Deutsche dienen trotzdem in der russischen Armee. Obwohl sie russische Staatsbürger sind, wird ihr Grundbesitz beschlagnahmt. Die deutschen Ortsnamen werden 1914 durch russische ersetzt.

2.2.1915

Liquidationsgesetz: Die im Grenzstreifen bis 150 Kilometer lebenden Deutschen sollen nach Sibirien umgesiedelt werden. Über 50.000 Wolhyniendeutsche werden nach Sibirien verschleppt.

27.5.1915

Pogrome gegen Deutsche in Moskau. Viele Geschäfte werden geplündert, 40 Deutsche verwundet, drei ermordet.

15.3.1917

Abdankung Nikolaus II. durch die Februar-Revolution. Aufhebung der Liquidationsgesetze durch die Provisorische Regierung unter Ministerpräsident Lwow.

20.-23.4.1917

Erster gesamtdeutscher Kongreß in der Geschichte der Deutschen aus Rußland in Odessa. Gründung eines Zentralkomitees aller Rußlanddeutschen (86 Vertreter der deutschen Siedlungsgebiete aus 15 Gouvernements). 1. Kongreß der Wolgadeutschen in Saratow; 2. Kongreß der Wolgadeutschen in Schilling.

7.10.1917

Bolschewistische Oktoberrevolution in Petrograd. Beginn der Sowjetdiktatur Lenins. Sturz der Provisorischen Regierung unter Kerenski.

3.3.1918

Frieden von Brest-Litowsk zwischen Deutschland und Rußland. Repatriierungsklausel zugunsten der Rußlanddeutschen. Auf Wunsch werden von deutscher Seite Schutzbriefe an Volksdeutsche ausgestellt. Davon wissen aber nur sehr wenige, und es gelingt nur einzelnen Personen, in den Westen zu kommen. Verzicht Rußlands auf das Baltikum und Polen. Bessarabien kommt zu Rumänien.

April 1918

Schaffung eines "Kommissariats für deutsche Angelegenheiten an der Wolga" unter Leitung von Ernst Reuter.

1918

Laut einer Volkszählung leben in Rußland 1.621.000 Deutsche.

16.7.1918

Ermordung der Zarenfamilie in Jekaterinburg.

9.11.1918

Novemberrevolution in Deutschland. Abschaffung der Monarchie, Abdankung von Kaiser Wilhelm II. Trotzkis kommunistische "Permanente Weltrevolution" scheitert in Deutschland.

1919

Requirierung der gesamten Ernte durch die Bolschewiken. Aufstände im Odessaer Gebiet gegen die Armee der neuen Machthaber. So genanntes "Rotes Massaker" gegen die Bauern. Viele Männer werden standrechtlich erschossen.

1920

Schließung des katholischen Priesterseminars.

1921-1923

Größte Mißernte und Hungersnot, bedingt durch Revolution, Bürgerkrieg und Enteignung. Starke Auswanderung aus den Siedlungsgebieten. Die Bevölkerungszahl der Deutschen verringert sich um 26,5 Prozent.

1921-1927

Neue ökonomische Politik (NöP). Vorübergehende Erholung in den deutschen Gebieten.

16.4.1922

Rapallo-Vertrag zwischen dem Deutschen Reich und der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) durch Rathenau und Tschitscherin. Gegenseitiger Verzicht auf finanzielle Forderungen und Aufnahme von diplomatischen Beziehungen.

30.12.1922

1. Sowjetkongreß verkündet die Bildung der "Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken".

16.5.1923

Gründung des Allrussischen Mennonitischen Landwirtschaftlichen Verbandes.

16.1.1924

Gründung der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen (ASSRdWD) mit der Hauptstadt Engels (Pokrowsk).

1926

Laut Volkszählung leben in der Sowjetunion 1.238.539 Deutsche. Letzte Versuche, über Sibirien und China nach Amerika auszuwandern. Die USA stellen in Wladiwostok Schiffe zur Verfügung. Ein Teil der Flüchtlinge wird unterwegs gestoppt und bei Omsk und Tomsk angesiedelt.

1927

Gründung des Deutschen Rayons im Altaigebiet. Deutsche Siedlungen am Amur; das sind zugleich die letzten Siedlungsneugründungen.

1928

Beginn der Kollektivierung, Deportation der enteigneten Mittelbauern in den hohen Norden und nach Sibirien. Schließung der Kirchen.

Ende 1929

Rund 14.000 Deutsche aus allen Teilen des Landes kommen nach Moskau in der Hoffnung, eine Ausreisegenehmigung zu erhalten. Nach langen Verhandlungen werden 5.671 in Deutschland - nur zur Durchreise! - aufgenommen und nach Nord- und Südamerika weitergeleitet. Die anderen werden gewaltsam zurücktransportiert.

1930

ca. 50.000 Deutsche von der ersten Massendeportation betroffen.

1932-1933

Zweite sowjetische Mißernte als Folge von Zwangskollektivierung und Enteignung. Ungezählte Deutsche an der Wolga und in der Ukraine sterben den Hungertod.

1933-1939

Terrorwelle sichert Stalins Alleinherrschaft. Das Moskauer Hotel "Lux" wird Exilort deutscher Kommunisten aus dem Mutterland.

1935

600 Deutsche werden aus Aserbaidschan nach Karelien deportiert.

1936

Verband der Deutschen aus Rußland e.V. in Deutschland gegründet.

1937

Sämtliche deutsche Kirchen entweiht; kein deutscher Pfarrer mehr im Amt.

1937-1938

Dunkelstes Kapitel für die Rußlanddeutschen in der Vorkriegszeit. Zahlreiche Todesopfer unter der deutschen Bevölkerung während der stalinistischen "Säuberungen".

1938

In allen deutschen Schulen außerhalb der Wolgadeutschen Republik wird Russisch bzw. Ukrainisch als Unterrichtssprache eingeführt.

1938-1939

Auflösung aller deutschen Rayons außerhalb der ASSRdWD.

23.8.1939

Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes durch die Außenminister von Ribbentrop und Molotow.

1.9.1939

Beginn des II. Weltkrieges.
Nach einer Volkszählung leben in der Sowjetunion 1.424.000 Deutsche in überwiegend geschlossenen Siedlungen (95 Prozent Deutsch als Muttersprache).

1940

80.000 Deutsche verlassen Bessarabien und siedeln sich im Wartheland (Warthegau) an. Bessarabien und die Baltischen Staaten werden der UdSSR einverleibt.

22.6.1941

Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges.
Odessa wird im Sommer von deutschen und rumänischen Truppen belagert und von der Roten Armee nach 69 Tagen aufgegeben.
Deutsche von der Krim, aus dem Kaukasus und den Teilen des Schwarzmeergebietes östlich des Dnjeprs werden nach Sibirien und Mittelasien deportiert.

19.7.1941

Stalin übernimmt den Posten des Volkskommissars für Verteidigung und somit auch das Oberkommando über die Rote Armee.

8.8.1941

Einmarsch rumänischer Truppen im westlichen Schwarzmeergebiet; die Kirchen werden wieder geöffnet.

25.8.1941

Die Deutsche Wehrmacht besetzt Dnjepropetrowsk. Die Deutschen westlich des Dnjeprs entgehen weitgehend der Verbannung.

28.8.1941

Der berühmt-berüchtigte Erlaß des Obersten Sowjets der Sowjetunion führt zur Auflösung der Republik der Wolgadeutschen und zur totalen Deportation der Bevölkerung nach Sibirien und Mittelasien in die Lager der Trudarmee. Innerhalb von zehn Tagen werden rund 350.000 Wolgadeutsche in die Ostregionen der UdSSR verschleppt.

1941-1946

Knapp eine Million Rußlanddeutsche sind vom Schicksal der Deportation betroffen. Eine Unzahl von Menschen fällt diesem Wahnsinn zum Opfer. Die Familien werden getrennt.

30.8.1941

Gebiet zwischen Dnjestr und Bug einschließlich Odessa unter rumänischer Verwaltung laut Vereinbarung mit dem Deutschen Reich. Das Gebiet nennt sich Transnistrien. Darin eingebunden sind die alten deutschen Mutterkolonien der Großliebentaler, Kutschurganer, Glückstaler und Beresaner. Ausstellung von Volkstumsausweisen an die deutsche Bevölkerung.

5.10.1941

Die Rote Armee verläßt das linke Dnjeprufer. Die Ukraine steht unter deutscher Verwaltung. Bildung des Reichskommissariats Ukraine unter Leitung von A. Rosenberg.

Februar 1943

Schlacht bei Stalingrad, Wende an der Ostfront.

1943-1944

Einberufung von rußlanddeutschen Wehrfähigen in die Deutsche Wehrmacht.

März - April 1944

Mit dem Rückzug der Deutschen Wehrmacht werden rund 350.000 Deutsche aus der Ukraine und Transnistrien im Warthegau angesiedelt, einige von ihnen auch im Sudetengau. Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit.

10.4.1944

Rückeroberung Odessas durch die Rote Armee.

September 1944

Sämtliche eingebürgerten wehrpflichtigen Männer werden eingezogen.

12.1.1945

Beginn der sowjetischen Winteroffensive. Flucht nach Westen. Ankunft in Dörfern in Sachsen, Thüringen und Brandenburg.

April 1945

Die Amerikaner besetzen ganz Thüringen und einen großen Teil Sachsens. Später, gegen Ende Juni 1945, ziehen sie sich zurück und überlassen Sachsen und Thüringen den Sowjets.

9.5.1945

Bedingungslose Kapitulation der Deutschen Wehrmacht in Berlin-Karlshorst.

5.6.1945

"Berliner Erklärung" der vier Siegermächte: Einteilung Deutschlands in vier Besatzungszonen.

Juni - Juli 1945

Massenweise Zurückverschleppung der Rußlanddeutschen aus allen Besatzungszonen nach Sibirien und Mittelasien.

2.8.1945

Unterzeichnung des "Potsdamer Abkommens". Vereinbarung, daß jede Besatzungsmacht "ihre" Bürger ins eigene Land zurückbringen darf. Für jeden ehemaligen Sowjetbürger deutscher Nationalität, der aus Deutschland deportiert wird, werden 200 US-Dollar Kopfgeld als Kriegsschuld für Deutschland angerechnet.

1947

Durch eine Wirtschaftskrise und die Mißernte von 1946 bricht in der UdSSR eine katastrophale Hungersnot aus. Gewaltige Zahl von Todesopfern unter den Rußlanddeutschen in den Lagern der Trudarmee.

26.11.1948

Dekret des Obersten Sowjets: Verbannung der Rußlanddeutschen auf "ewige Zeiten" festgeschrieben; Verlassen der Ansiedlungsorte ohne Sondergenehmigung mit Zwangsarbeit bis zu 20 Jahren bedroht.


Quelle: http://www.deutscheausrussland.de/




Auswanderung der Russlanddeutschen als pdf-Karte
Auswanderung der Deutschen nach Rußland als pdf-Karte

     

Karte des Autonomen Gebietes der Wolgadeutschen
Karte des Autonomen Gebietes der Wolgadeutschen

     

Gebiet der deutschen Kolonisten an der Wolga
Gebiet der deutschen Kolonisten an der Wolga
mit Bezeichnung der lutherischen und katholischen Dörfer


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arwela 2006