Preußische Agenten warben
gegen Ende des 18. Jahrhunderts
für die Auswanderung nach
»Preußisch-Polen«. Auf den neu
errichteten staatlichen Domänen wurden zwar
auch Polen, aber vor allem vielen württembergischen
Auswanderern Kolonistenstellen übertragen. Als Vorteile galten
der kurze Reiseweg, die Popularität Friedrichs des
Großen und die Tatsache, dass hier bereits seit dem
späten Mittelalter Deutsche als Kolonisten siedelten und die
deutsche Sprache, vor allem in den Städten, weit verbreitet
war. Auch schied das Risiko feindlicher Überfälle im
Gegensatz zu Südrussland oder Südungarn aus.
Gleichzeitig setzte die Auswanderung Donau abwärts in
die ehemals osmanischen Gebiete der Habsburgermonarchie
ein. Die Siedler kamen vor allem aus den
vorderösterreichischen Gebieten am Oberrhein und aus
Oberschwaben – ihnen war eine Auswanderung nach
Russland oder Preußen strikt verboten – aber auch
aus Württemberg, besonders aus den Ämtern Balingen,
Biberach, Brackenheim, Herrenberg, Geislingen, Neckarsulm,
Rottweil, Spaichingen, Sulz, Tübingen, Tuttlingen, Vaihingen
und Weinsberg (Fata, 1999, S. 398). Abgeschlossen
wurde die organisierte Einwanderung in diesen Raum mit
dem Ansiedlungsprojekt des siebenbürgischen Pfarrers
Stephan Ludwig Roth, der auf kirchlichem Besitz in
Siebenbürgen 1848 ca. 2000 Württemberger ansiedelte,
vorwiegend aus dem württembergischen Unterland, dem
Schwäbischen Wald und von der Schwäbischen Alb.
Die Massenauswanderungen nach Ost- und Südosteuropa
zwischen der Mitte des 18. und der Mitte des
19. Jahrhunderts wurden »Schwabenzüge«
genannt.
Motive der Auswanderer
Bereits kurz nach Beginn der Auswanderungswelle machten
sich die Behörden Gedanken über die Motive der
Auswanderer. Der badische Staatswissenschaftler Justi
nannte 1760 »Drey Hauptursachen […]. Die erste und
hauptsächliste ist wohl ohne Zweifel eine üble
Beschaffenheit
der Regierung […]. Die zweyte Hauptursache
bestehet in dem Mangel der Gewissensfreiheit […]. Die
dritte Ursache der Auswanderung ist endlich der Mangel
an Nahrung im Lande.« (zit. n.: Fertig, 1999, S. 84) Damit
sind bereits wesentliche Gründe genannt, ein wichtiger
Aspekt wäre aber zu ergänzen: die Belastung durch die
fortwährenden Kriege Frankreichs gegen das Reich,
wobei Südwestdeutschland Aufmarsch- und Kriegsgebiet
war. Außerdem hatten die Gemeinden durch Sonderabgaben
stark zu leiden (vgl. Tuchtenhagen, 1999, S. 152);
(
L1,
L2 , vgl. auch III.1:
Auswanderung nach Nordamerika
im 18. und 19. Jahrhundert:
L1
und
L2).
Auch religiöse Motive wären zu nennen, die etwa bei
den schwäbischen Separatisten eine große Rolle
spielten.
Was versprachen sich die Auswanderer von den Aufnahmeländern?
In erster Linie relativ ausgeprägte Autonomie,
Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs, Steuerfreiheit,
Befreiung vom Militärdienst und günstigen Landerwerb.
Aufgrund des Kaufkraftgefälles konnte man für den
beim Verkauf des Besitzes in der Heimat erzielten Preis häufig
ein wesentlich größeres Gut erwerben. Auch die
Versprechungen der Werber und Auswandererbriefe spielen hier
eine große Rolle (
L3,
L4).
Wege der Auswanderer
Die Auswanderer nach Russland zogen
größtenteils über Land nach
Lübeck, wo sie sich in einem Lager sammelten.
Über die Ostsee führte der Weg nach St. Petersburg
und dann über Land an die Wolga.
Werber in russischen Diensten waren in den Hauptauswandergebieten
unterwegs und erhielten für jeden
gewonnenen Auswanderer eine Kopfprämie. Teilweise
versuchten sie auch den Auswandererstrom umzulenken.
So wird von Werbern in Ulm berichtet, die den Auswanderungswilligen
vor den Toren der Reichsstadt die Pässe
abnahmen, in denen als Ziel Ungarn eingetragen war. Ein
Werbeunternehmer aus Reutlingen lotste zum Beispiel
diese Leute in sein Quartier in der »Goldenen
Sonne«,
zahlte ihnen ein Handgeld, lockte mit viel günstigeren
Bedingungen und überredete sie zur Auswanderung nach
Russland. Dann änderte er die Pässe und stellte
Gruppen
für die Reise nach Lübeck zusammen (Schippan, 1999,
S. 48).
Am kürzesten war der Landweg in die neuen
preußischen
Gebiete Polens, nach Süd- und Westpreußen. In der
Gegend von Lodz entstanden Schwabenkolonien, die bis
1945 bestanden.
Ulm war hauptsächlicher Versammlungsort für die
Auswanderer
nach Ungarn, Siebenbürgen oder das Schwarzmeergebiet.
Auf großen Flusskähnen, den »Ulmer
Schachteln« (
L5),
fuhren die Auswanderer zunächst
nach Wien, von dort weiter nach Budapest. Dort begann
der Weg über Land in die Siedlungsgebiete Ungarns und
Siebenbürgens (
L6,
L7). Auswanderer
in die Gebiete
am Schwarzen Meer fuhren weiter Donau abwärts und
schließlich über das Meer nach Odessa, auf die Krim
oder noch weiter nach Osten in die Kaukasusregion.
Gescheiterte Aus- und Rückwanderung
Auswanderung konnte auch scheitern. Vor allem dann,
wenn die Auswanderer mittellos waren. Denn nur in der
allerersten Phase gewährten die Aufnahmeländer
großzügige
Kredite und Landzuweisungen. So wurde mancher
Auswanderer überrascht, wenn er bei der Einreise ein
Mindestvermögen vorweisen mußte. Andere fielen auf
Werber herein, die eine inoffizielle »wilde«
Einwanderung,
ohne Rücksprache mit den Behörden des Aufnahmelandes,
durchführten, sich aber von den Auswanderern gut
bezahlen ließen.
In der Heimat erwartete die Rückwanderer häufig Hohn
und wenig Bereitschaft, die aus dem Untertanenverband
entlassenen Staatenlosen wieder aufzunehmen (
L9). Häufig
fristeten sie ihr Leben als Tagelöhner und Bettler. Insgesamt
blieben die Rückwandererzahlen aber eher niedrig.
Ansiedlung und Integration in den
Zielländern
Die Ansiedlung erfolgte meist geschlossen nach Konfession.
In den Ländern der Habsburgermonarchie wurden
vorwiegend katholische Auswanderer vor allem im westlichen
und südlichen Ungarn, Protestanten in Siebenbürgen
angesiedelt. Allerdings gab es auch protestantische
Ansiedlungen auf den privaten Gütern des calvinistischen
Adels in Ungarn. Auch in Russland garantierte man zwar
von Anfang an den anzuwerbenden Neusiedlern Religionsfreiheit,
achtete aber ebenfalls auf konfessionell homogene Dörfer.
Sowohl in Südrussland als auch in Ungarn mußten die
Kolonisten mit feindlichen Überfällen rechnen. So
sank an der Wolga in den ersten 10 Jahren die Zahl der Neusiedler
um über 7000 Personen. Kirgisische und baschkirische
Nomaden überfielen die Dörfer und verkauften die
Bewohner nach Buchara in die Sklaverei. 1777 und 1784
konnte die russische Regierung zwar einen Teil von ihnen
wieder freikaufen, aber die Bedrohung auch durch Flußpiraten
und Räuberbanden sowie durch Kosaken und
Tataren blieb.
Serbische Räuberbanden bedrohten die Schwabendörfer
in Ungarn (
L8). Im
Gebiet der Militärgrenze wurden
Kolonistendörfer außerdem mehrfach von
Türken verwüstet.
Die deutschen Siedlungsgebiete blieben im Wesentlichen
bis zu ihrem Ende im Zweiten Weltkrieg in sich abgeschlossen
(
L10 ). Die
eigene Kirchenorganisation spielte
dabei ebenso eine Rolle wie die Beziehung zu deutschen
Oberschichten in den Städten und in der Verwaltung. Das
gilt vor allem in Polen und Ungarn. Allerdings setzte in
Ungarn in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine starke
Magyarisierungsbewegung ein, die auch auf die Bereitschaft
eines Teils akkulturationsbereiter Deutschstämmiger
stieß. Doch dominierte das in der Regel friedliche
Zusammenleben der verschiedenen Ethnien.
Die Rückkehr
Nach dem Zweiten Weltkrieg mußten viele Nachfahren
deutscher Auswanderer ihre Heimat in Ost- und Südosteuropa
verlassen. Vertriebene und Flüchtlinge aus Ungarn,
Jugoslawien und Rumänien wurden in großer Zahl auch
in Südwestdeutschland aufgenommen und bald integriert
(Vgl. IV. 2: Vertriebene). Spätaussiedler aus Russland
und Rumänien folgten, besonders nach dem Ende der
Sowjetunion.
Manche von ihnen sind – teilweise ohne dass es ihnen
bewußt ist – in die Heimat ihrer Ahnen
zurückgekehrt,
beispielsweise die Familie Zimmermann aus Gronau
(
L11).
LINKVERWEISE:
L1 - Ein Jahrhundert Krieg
1688
Französische Heere unter Montclar und Melac
verwüsten große Teile Badens und
Württembergs.
1692
Französische Heere unter Lorge
verwüsten
Städte im Nordschwarzwald. Anschließend
werden Reichstruppen im Land einquartiert.
1693
Französische Heere zerstören einen
Großteil
Württembergs und verbrennen Marbach, Beilstein,
Großbottwar, Backnang, Winnenden und
Vaihingen, insgesamt 40 Ortschaften gehen in
Flammen auf.
1702
Im spanischen Erbfolgekrieg fallen bayerische
Truppen in Württemberg ein und werden
zurückgeschlagen.
1707
Ein französisches Heer unter General Villars
fällt
in Württemberg ein und wird zurückgeschlagen.
1713
General Villars erobert den Breisgau und Freiburg.
1733
Bei Esslingen sammelt sich ein Heer unter der
Führung Prinz Eugens für den polnischen
Erbfolgekrieg.
Ein französisches Heer rückt über
den Rhein vor. In Mergentheim, Heilbronn und
Esslingen stehen russische Truppen.
1741 bis 1748
Während des österreichischen
Erbfolgekriegs
ist Südwestdeutschland Durchmarschgebiet für
Reichstruppen und französische Heere.
1756 bis 1763
Im Siebenjährigen Krieg ist
Südwestdeutschland Durchmarschgebiet für
österreichische
Heere. Aushebungen im Zusammenhang mit dem Reichskrieg gegen
Preußen. Württemberg
stellt für das französische Heer Truppen.
1786
In Württemberg ausgehobene Soldaten werden
an Holland »verkauft«.
1796
Französische Heere unter Jourdan und Moreau
dringen in Baden und Württemberg ein.
1799
Erneutes Vordringen der Franzosen nach
Südwestdeutschland
L2 - Aus einem
Beschwerdekatalog der Untertanen
des Klosters Schwarzach, 1724
Mit den Fronen werde seit einiger Zeit ein derartiger
»Exzess« getrieben, »also dass, wenn
damit fortgefahren
werden sollte, sie nit in Stand, ihren eigenen Äckern,
Hauswesen und Nahrung vorzustehen«. Ohne Bewilligung
der Herrschaft dürfe niemand heiraten. »Denen
Kranken wurde auch vorgestellt, dem Gotteshaus manchmal
mehr zu vermachen, als in ihrem Vermögen sei. «
Steuern würden auf die Gemeinden abgewälzt, ohne
dass ihr Rechnung gelegt würde. Der Schultheiß sei
dem
Kloster verpflichtet. Das Kloster beanspruche ein Vorkaufsrecht
auf Vieh, Kühe und Kälber.
Zitat nach: Hartmut Zückert: Die sozialen Grundlagen der
Barockkultur in Süddeutschland. Fischer, Stuttgart - New York
1988, S. 8
L3 - Ein polnisch Lied an
die Württemberger, die
nach Preußisch-Polen auswandern
(anonym, um 1781)
Jetzund ist es ausgemacht,
Dass der Marsch geht hin nach Polen;
Man hat es herausgebracht,
Dass man kein zurück darf holen;
Tretet eure Reise an
In das polnisch Canaan!
Allhier ist es nimmer gut,
Dort in Polen ist es besser,
Fasset einen guten Mut!
Dort gibt es auch volle Fässer.
Bei dem Bier und Branntewein
Kann man auch vergnüget sein.
Was hilft euch der edle Wein?
Ihr dürft doch sehr wenig trinken!
Wollt ihr hier gleich lustig sein,
Müsst ihr an die Schulden denken.
Diese plagen euch alle Tag,
Dass man nimmer leben mag.
Was soll doch der arme Mann
Hier auf solche Art anfangen,
Weil er sich nicht helfen kann?
Viel tut man von ihm verlangen,
Dass er mit sei’m sauren Schweiß
Fast nichts aufzutreiben weiß.
[…]
Nun so lasset uns fein bald
Reisen in das preußisch Polen,
Weil man dorten in dem Wald
Kann viel Wachs und Honig holen.
Honig in dem Branntewein,
Das mag auch recht köstlich sein.
Honig ist recht zuckersüß,
So kann nichts gefunden werden.
Drum so hebe auf die Füß,
Springe über Stein und Erden
In das polnisch Canaan,
Wo man Honig g’nug trifft an.
Zitat nach: Karl Moersch (Hrsg.): Ein Untertan, das ist ein
Tropf.
Politische Lieder der Schwaben aus zwei Jahrhunderten.
Verlag Günther Neske, Pfullingen 1985, S. 35 ff.;
© Moersch, zu beziehen über DRW-Verlag
L4 - Auswanderung nach
»Preußisch
Polen«
Friedrich der Große suchte deutsche Siedler für die
polnischen
Gebiete, die er Preußen einverleibt hatte. Michael
Angerhofer aus Althengstett schrieb 1781 aus seiner
neuen polnischen Heimat seinen Verwandten im
Schwarzwald:
»Was unsere Reise anbelangt, ist alles
glücklich von statten
gegangen. Der Engel des Herrn ist von Haus aus bei
uns gewesen bis an unsern Ort und Stelle, wie bei dem
jungen Tobias. Er hat uns alle frisch und gesund hin- und
hergeführt auf der Reise. In Magdeburg haben wir den
königlichen Pass bekommen, in Potsdam ein Memorial
machen lassen, dem König selbst in die Hände gegeben.
Da waren wir drei Tage gelegen. Von da aus auf Berlin an
die Kammer gewiesen worden. Vier Tage da gelegen und
vier Taler Reisegeld bekommen – so bekommt es eine
jede Familie. Von da aus nach Bromberg geschickt in die
Kammer, wieder drei Tage da gelegen, von da aus wieder
nach Marienwerder in die Kammer gewiesen worden,
wieder vier Taler Reisegeld bekommen, von da aus wieder
zurück, 16 Stund auf Klein-Schüßgen zu
wohnen,
eine Stunde von Kulm. […]
Der Engel des Herrn gab mir ein Einsehen, wieder über
die Weichsel zu gehen und ein Gut zu besehen. […]
Das Gut ist ein Pfaffengut gewesen oder ein Erbpachtsgut.
Es hat alle Freiheiten, keine Soldaten, keinen Frondienst,
keine Zehnten, die Jagd auf dem Gut. Was man
will kann man pflanzen. Solches Gut hab ich vom Herrn
Kriegsrat in Kulm gekauft um 650 Gulden.«
Zitat nach: Max Miller: Die Auswanderung der
Württemberger nach
Westpreußen und dem Netzegau 1776–1786.
Veröffentlichung
der württembergischen Archivverwaltung, 1/1935, S. 31 f.
L5 - Nachbau einer »Ulmer
Schachtel« am Donauufer in Neu-Ulm

Foto:
Ulrich Maier
Solche Schiffe fuhren regelmäßig zum
Güter- und Personentransport
auf der Donau von Ulm bis Wien. Das »Ordinarischiff
« ging sonntags oder montags, außer im Winter.
Bis Wien dauerte die Fahrt im Sommer 8 bis 9 Tage, im
Frühjahr und Herbst bis zu drei Wochen. Die Ulmer
Schiffsleute bezeichneten ihre Schiffe als
»Zillen«. Ein
Schiff konnte eine Nutzlast bis zu 100 Tonnen tragen.
Hunderttausende von Auswanderern fuhren im 18. und
19. Jahrhundert auf solchen Schiffen in ihre neue Heimat
in Südosteuropa.
L6 - Reisekarte aus dem
Jahre 1847 für die
Auswanderung in die Donauländer

Aus:
Beer/Dahlmann,
Migration nach Ost- und Südosteuropa vom
18. Jahrhundert bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Thorbecke,
Stuttgart 1999, S. 410; Quelle: Peter Wolff: Führer und
Rathgeber auf der Reise nach Ungarn und Siebenbürgen.
Reutlingen 1847
L7 - Von
Württemberg nach
Siebenbürgen
In einem Brief vom 28.6.1913 erinnerte sich Josefa
Bahmüller an die Auswanderung mit ihren Eltern und acht
Geschwistern 1846 aus Plüderhausen (Rems-Murr-Kreis)
nach Siebenbürgen:
»Liebe gute Kinder, ich setze euch zur Erinnerung an
unsere Reise, was ich weiß von 12 Jahren an, wie es bei
uns war im Jahr 1844, dass eine sehr große Teuerung
war, indem der Hagel in sieben Feldern alles zerschlagen
hatte. […] Oh, wenn ich nur denk, wie schwer es den
armen Eltern und Großeltern war, die Heimat zu verlassen!
Wie wir haben abreisen sollen, so war der arme Vater
nicht da. Er war auf einmal in unser Haus zurück und
wollte gar nicht mitkommen. […] Und wie wir in Bayern in
Donauwörth ankamen und wir das neue Bretterschiff
sahen, so wollte der Vater nicht einsitzen. Da kamen Herren
und haben ihn beredet, er sollte sich doch nicht
fürchten und so kamen wir bis nach Wien. […] Dann
kamen wir nach Pest [Budapest], da suchte der Vater
Fuhrleute. Vierzehn Tage sind wir auf der Donau kommen
und vier Wochen zu Land, da war es auch sehr schlecht,
kein Holz zum Feuer machen. Die Mutter mußte mit
Stroh uns ein wenig Suppe kochen für uns viele Kinder.
Mit dem ungarischen Fuhrmann konnten wir kein Wort
sprechen. Da kamen wir in so ein Räuberschank-Haus,
da wollte man uns bei der Nacht unser bissel Geld nehmen.
[…] Wenn man uns das Geld gestohlen hätte, was
hätten wir auf der Puszta gemacht? Keinen Schritt
hätten
wir weiter können, dort hätten wir vor Hunger sterben
müssen. Mit dem Fuhrmann kamen wir bis Hermannstadt.
Da bekamen wir einen Fuhrmann, der war von
Alzen. Der gab uns das Nachtmahl und Frühstück und
dann fuhr er mit uns […] in unsere Heimat.«
Zitat nach: Balduin Herter, Württembergische Einwanderer in
Siebenbürgen
um die Mitte des 19. Jahrhunderts, in: Beer/Dahlmann,
Migration, S. 409.
L8 - »Der Erste
hat den Tod, der Zweite
die Not, der Dritte das Brot«
a) Amtlicher Bericht an die Adelsversammlung der
Baranya:
»19. Mai 1749: Berichte, dass diesen Montag eine Stunde
oberhalb Tolna die Räuber einem Esseker Handelsmann
700 Gulden bares Geld und selbigen Abend in dem Dorf
S.Georg genannt, einem Weib bis 600 Gulden weggenommen,
über dieses ihr mit der Hacke in den Kopf
gehaut und bei diesen zwei Rauben sind fünf Personen
umgebracht worden. Den Freitag drauf ein mit Deutschen
beladenes Schiff, welches aus Deutschland gekommen,
und in Ungarn sich niederlassen wollten, angegriffen,
ausgeraubt und 59 Mann ermordet haben. Vorgestern
sind die Räuber zu Nyek, welches Dorf 1⁄4 Stunde von
Battasek gewesen, Brot allerorten mit Gewalt weggenommen
und in der Nacht über die Scharabis herübergegangen
und in die Wälder sich verschlossen. Es sind wohl Bauern
beordert, sie aufzusuchen, Gott weiß aber, wo sie solche
in ihren Schlupfwinkeln finden werden.«
b) Schutzgelderpressung
Am 15. Februar 1745 wurde Pfarrer Andreas Schronz zu
einem Treffen mit einer Räuberbande aufgefordert, wenn
ihm »sein Leben und das der Schwaben aus Boly
teuer«
sei. Er berichtete darüber:
»Der Anführer der Räuberbande richtete
erbittert seine
Augen gegen den Himmel und schwur gräulich, dass,
wenn die Bolyer auf jenen Tag, welchen sie jetzt bestimmen
werden, die 25 Gulden hinausschicken, wird ihnen
kein Leid widerfahren, wenn sie auch die Nachbardörfer
alle ausrauben und Leute foltern, sollen sie nur sagen,
dass sie aus Boly sind, so müssen sie sich vor ihnen
nicht fürchten.«
Zitat nach: Karl-Peter Krauss: Ansiedlung als Prozess.
In: Beer/Dahlmann, Migration, S. 305–306.
L9 - Gescheiterte
Auswanderung
Bericht eines 1817 nach Russland ausgewanderten
Webers aus Botenheim:
»In der Verzweiflung, wie ich mich, mein Weib und meine
5 Kinder ohne Vermögen und Arbeitsverdienst in den
drückenden
Zeiten der Teuerung ehrlich sollte durchbringen
können, entschloss ich mich vor einem 3⁄4 Jahr zur
Auswanderung
nach Russland. Nachdem wir uns bis 36 Meilen
hinter Warschau fortgesetzt hatten, wurden wir an der
russischen Grenze zurückgewiesen, weil ich mich über
den Besitz des nach einer neuerlich erst ergangenen Verordnung
zur Ansiedlung erforderlichen Vermögens nicht
legitimieren konnte. Da ich auch in Polen keine Unterkunft
fand, so mußte ich wieder in meine verlassene Heimat
zurückziehen, wo mir zwar von den Ortsvorstehern der
Aufenthalt wieder gestattet, hingegen von allen Inwohnern
gleich zu erkennen gegeben wurde, dass sie für den
Unterhalt meiner Familie nicht Rat zu schaffen
wüssten.«
Zitat nach: Marionela Wolf: Württembergische
Rückwanderer.
In: Beer/Dahlmann, Migration, S. 281.
L10 - Integration und
Identität
a) Adolf Grünhold, Reise in die Baranya, 1844:
»Der Markt Bátaszék, durch welchen wir
fuhren, ist fast
von lauter deutschen Colonisten bewohnt. Überhaupt
wohnen in dieser Gegend viele Deutsche, daher die
Ungarn diesen Landstrich gewöhnlich die
»Schwäbische
Türkei« nennen. Es ist bekannt, dass die Deutschen
in
Ungarn schlichtweg »Schwaben« genannt
werden.«
Zitat nach: Donauschwäbisches Zentralmuseum Ulm
b) 1844 schrieb der Budapester Journalist Eduard Glatz
über seine Landsleute in Ungarn:
»Welche Empfindungen sollen bei der zweiten, dritten
Generation für Deutschland rege werden, wenn sie sich
erinnert, dass ihre Eltern und Voreltern diesem Lande entsprossen
sind? Für die Nachkommenschaft ist Deutschland
ein völlig fremdes Land, auf das sie, da sie von selbem
weder Gutes empfängt, noch Schlimmes zu befürchten
hat, gleichgültig hinblickt. […] [Die
Deutschstämmigen]
fühlen sich als Ungarn, wenn auch der
gemeine Mann kaum dazu kommt, sich von diesem
Gefühle Rechenschaft zu geben – sie verwachsen mit
allen einheimischen Interessen, sie ungarisieren sich in
staatsbürgerlicher Beziehung sowohl, als auch in sozialer
[…]; für sie ist längst das Mutterland zum
Auslande geworden.«
Zitat nach: Márta Fata: Deutsche Immigranten im
ländlichen Ungarn.
In: Beer/Dahlmann, Migration, S. 404
c) Béla Bartók, ungarischer Komponist
(1881–1945), über
das Zusammenleben von Donauschwaben und Ungarn zu
Beginn des 20. Jahrhunderts:
»Bei den Bauern gibt es keine Spur von grimmigem Hass
gegen andere Völker und hat es nie gegeben. Sie leben
friedlich nebeneinander, jeder spricht seine Sprache, hält
sich an seine eigenen Gebräuche und findet es ganz
natürlich,
dass sein anderssprachiger Nachbar das gleiche tut.«
Zitat nach: Donauschwäbisches Zentralmuseum Ulm
L11 -
Auswanderung und
Rückwanderung
Der Weg von fünf Generationen der Familie Zimmermann:
1. Generation:
Georg Simon Zimmermann, Weingärtner und Bauer in
Gronau (Kreis Heilbronn), wanderte 1832 mit seiner Ehefrau
Susanne und seinen drei Kindern Johann Gottlieb (18
Jahre), Balthasar (14 Jahre) und Christine (11 Jahre) und
einem Vermögen von 800 Gulden nach Russisch-Polen
aus und zog von dort nach Bessarabien weiter.
2. Generation:
Balthasar Zimmermann, geboren in Gronau am 1. 4. 1818,
gestorben in Friedenstal (Bessarabien) am 14. 10. 1892;
Bäckerlehre in Odessa, Kolonist in Friedenstal.
3. Generation:
Johann Gottlieb Zimmermann, geboren in Friedenstal (Bessarabien) am 27. 4. 1846, gestorben ebendort am
31. 3. 1929; Bauer und Schmied.
4. Generation
Johann Zimmermann, geboren in Friedenstal am 18. 5.
1869, gestorben auf Gut Czarnopole in Piontek (Warthegau)
am 8. 5. 1944; Bauer und Schmied, Umsiedlung 1940
und Neuansiedlung auf Gut Czarnopole.
5. Generation
Georg Zimmermann, geboren in Friedenstal am 16. 5.
1900, gestorben in Ludwigsburg am 12. 2. 1975. Nach der
Flucht vor der Roten Armee 1944/45 Ankunft in Gronau mit
Pferdegespann am 1. 4. 1945. Das Haus in Gronau wurde
nur eine Woche später am 8. 4. 1945 durch Luftangriff stark
zerstört. Wiederaufbau des alten Familienanwesens.
Nach: Landkreis Ludwigsburg (Hrsg.): Die
Eingliederung der Vertriebenen
im Landkreis Ludwigsburg. Ein Rückblick auf die vier
Jahrzehnte seit 1945. Landratsamt Ludwigsburg 1986, S. 40 f.
Zeitchronik
1756-1763
Siebenjähriger Krieg, u. a. Auseinandersetzungen
zwischen Preußen und Rußland.
5.1.1762
Tod der Zarin Elisabeth I., Nachfolger Zar
Peter III., Enkel Peters des Großen. Mit ihm setzt sich die
Romanow-Dynastie in der deutschen Linie
Romanow-Holstein-Gottorp (Schleswig) fort. Er heiratete 1745 als Herzog
Karl Peter Ulrich von Holstein-Gottorp (Haus Oldenburg) die Prinzessin
Sophie Friederike Auguste von Anhalt-Zerbst.
19.6.1762
Friedensschluß zwischen
Preußen und Rußland.
17.7.1762
Ermordung von Peter III. Seine Gattin
steigt als Katharina II. auf den russischen Thron.
22.7.1763
Manifest
von Katharina II. der Großen mit dem Aufruf an
Ausländer zur Einwanderung nach Rußland.
19.3.1764
Kolonialkodex: Festlegung der Agrarordnung
in den Kolonialgebieten.
1764-1768
Massenansiedlung im Wolgagebiet; die Einwanderer stammen
überwiegend aus Hessen.
29.6.1764
Nishnaja Dobrinka wird als
älteste wolgadeutsche
Kolonie gegründet, 1765 Balzer.
1765
Anhänger der Herrnhuter
Brüdergemeinde, 1727 entstanden in der sächsischen
Oberlausitz, lassen sich in Sarepta, nahe Zaryzin, mit der Aufgabe der
Kalmückenmission nieder.
1765-1767
Anlage der "Nördlichen Kolonien"
im Umkreis von St. Petersburg durch Hessen, Preußen,
Württemberger (Schwaben) und Badener.
1765-1766
Gründung von Riebendorf bei
Woronesh durch Schwaben und der Belowesh-Kolonien bei Tschernigow durch
Hessen und Rheinländer.
1782-1783
Deutsche Kolonisten aus der Danziger
Gegend siedeln im
Schwarzmeergebiet, 1782 bei Cherson, 1783 bei Jekaterinoslaw
(Dnjepropetrowsk).
1786-1789
Gründung von Alt-Danzig (1786), Fischerdorf und
Josefstal bei Jekaterinoslaw durch Preußen und Schwaben.
1787-1791
Westpreußische Mennoniten
gründen sechs Niederlassungen in Wolhynien.
Juni
1789
Mennoniten wandern nach "Neurußland" ein und
gründen Chortitza ("Iltisbau") am Dnjeprufer. In St.
Petersburg leben rund 17.000 Deutsche.
1794
Gründung der Hafenstadt Odessa.
6.9.1800
Gnadenprivileg Pauls I. zugunsten der
Mennoniten; danach gründen sie die Halbstädter
Kolonien und Gnadenfeld.
1802-1859
Fast 110.000 Deutsche wandern in den Süden
Rußlands (Schwarzmeergebiet) ein, darunter ein hoher Anteil
von Schwaben (Württemberger) und Alemannen (Elsässer
und Badener).
1803
Ansiedlung von Deutschen (meist Schwaben) in Odessa.
Gründung einer evangelischen Gemeinde.
Großliebentaler Kolonie und Neusatz auf der Krim von Schwaben
aus Calw gegründet.
20.2.1804
Manifest Alexanders I. Einladung zur Ansiedlung Deutscher im
Schwarzmeergebiet; Freistellung vom Militär.
1804
Prischiber Kolonien in Taurien bei
Halbstadt und Liebentaler Kolonien bei Odessa durch Badener,
Elsässer, Pfälzer und Schwaben gegründet.
1804-1810
Schwaben, Badener, Elsässer und
Schweizer siedeln auf der Krim.
1808-1809
Kutschurganer und Glückstaler Kolonien im
Odessagebiet von Badenern, Elsässern und Pfälzern
gegründet.
1809-1817
Beresaner Kolonie; unter den Siedlern sind auch Bayern.
1812-1813
Vaterländischer Krieg.
Türkei muß Bessarabien an Rußland
abtreten. Napoleon zieht in Moskau ein und wird anschließend
geschlagen.
1814-1815
Wiener Kongreß ("Neuordnung Europas"); Zar Alexander
I. erhält als König von Polen das Gebiet Warschau
("Kongreß-Polen").
1814-1824
Deutsche Ansiedlung in Bessarabien. Die Einwanderer bestehen
hauptsächlich aus Schwaben, Pfälzern, Bayern,
Mecklenburgern, Pommern, Schlesiern, Brandenburgern, Deutschen aus dem
Warschauer Raum sowie einigen Sachsen. Gründung von Wittenberg
(1814) und Leipzig (1815).
1816-1861
Westpreußen, Rheinländer, Pfälzer
und Schwaben wandern in Wolhynien ein.
1816-1818
Landnahme von schwäbischen
Separatisten im Südkaukasus.
1822-1831
Schwaben gründen Kolonien bei
Berdjansk.
1823-1832
Katholiken und Lutheraner, vorwiegend aus Schwaben,
gründen die Planer, Grunauer und Mariupoler Kolonien am
Nordrand des Asowschen Meeres.
1831
Gründung von Neu-Stuttgart im Kaukasus.
9.11.1838
Zar Nikolaus I. bestätigt die
Privilegien der Kolonisten.
1842
Kodifizierung aller Freiheiten, Pflichten und Rechte der
Kolonisten; Verleihung der Bürgerrechte im ganzen Zarenreich.
1853-1856
Krimkrieg. Rußland erleidet
empfindliche Einbußen. 1855 Fall von Sewastopol.
1854-1861
Mennoniten aus Westpreußen
gründen Kolonien bei Samara.
1861
Aufhebung der Leibeigenschaft
über die russischen
Bauern.
1863
Einwanderung von Schlesiern und Warschau-Deutschen nach
Wolhynien.
Hiermit endet 100 Jahre nach dem Manifest von
Katharina II.
im großen und ganzen die deutsche Einwanderung nach
Rußland.
1867
2. Slawenkongreß in Moskau; Erstarken des
Panslawismus (1826 von J. Herkel geprägter Begriff) unter
russischer Führung.
1869-1873
Kronau-Orloff, Tochterkolonien von Prischiber und
Halbstädter Mennoniten, gegründet.
18.1.1871
Gründung des Deutschen Reiches
durch Bismarck.
4.6.1871
Aufhebung des Kolonialstatuts durch die Zarenregierung
Alexanders II. Abschaffung der Selbstverwaltung der deutschen Gebiete.
Beginn der Auswanderung nach Nordamerika.
1872-1873
Rund 13.000 Mennoniten wandern nach
Nordamerika aus.
13.1.1874
Allgemeine Wehrpflicht eingeführt. Den Mennoniten
bietet man als Ersatz den Dienst im Forstwesen an.
1874
Vermehrte Auswanderung nach Nord- und
Südamerika.
1877-1878
Russisch-türkischer Krieg. Erster politischer Erfolg
des Panslawismus. Deutsch-russische Entfremdung.
1879
Lage der Deutschen in Rußland
durch Bündnis Deutschlands mit österreich
verschlechtert.
13.3.1881
Thronbesteigung Alexanders III. Nach der Ermordung Alexanders
II. beginnende Russifizierung durch einen offen gegen Deutschland
gerichteten "Panrussismus".
1882
Deutsche Siedlungen (Tochterkolonien) bei Pischpek (Frunse)
und Aulie-Ata (Dshambul) in Russisch-Turkestan.
1884
Deutsche Siedlungen bei Chiwa
südlich des Aralsees.
1885
Gründung der evangelisch-lutherischen Kirche in
Taschkent.
1887
Manifest Alexanders III.: "Rußland muß den
Russen gehören."
1891
Obligatorische Einführung des Russischen als
Unterrichtssprache an den Schulen.
1893
Eine Welle des "Russismus" setzt ein. Die Namen der deutschen
Siedlungsgebiete werden teilweise russifiziert.
1894
Der letzte russische Zar Nikolaus II. aus
dem Hause Romanow-Holstein-Gottorp gelangt auf den Thron.
Deutsche
Siedlungen (Tochterkolonien) bei Orenburg.
1895
Deutsche Siedlungen bei Akmolinsk
(Zelinograd) in der kasachischen Steppe.
1897
Nach einer Volkszählung leben
390.000 Deutsche an der Wolga, 342.000 im Süden
Rußlands, 237.000 im Westen Rußlands und 18.000 in
Moskau.
1901-1911
Rund 105.000 deutsche Siedler wandern aus Rußland
nach Amerika aus.
1903
Verbot der deutschen Ansiedlung in Turkestan. Judenpogrome in
Bessarabien (Kischinjow).
1904-1905
Russisch-japanischer Krieg. Niederlage Rußlands
führt zu teilweiser Liberalisierung. Siedlungsstrom nach
Sibirien in die Gebiete Omsk und Tomsk.
1906-1910
Agrarreform durch
Ministerpräsident Stolypin (ermordet am 18.9.1911 in Kiew).
1906-1907
Deutsche Siedlungen bei Ufa im Westural
(1906) und bei Aktjubinsk im Südural (1907).
1908
Geschlossenes deutsches Siedlungsgebiet
bei Slawgorod in der Kulunda-Steppe.
1909
Gemäß dem Stolypin'schen Gesetz wandern
massenweise neue Siedler nach Westsibirien und Nordturkestan und
gründen neue Tochterkolonien (Pawlodar, Karaganda,
Nowosibirsk, Krasnojarsk, Irkutsk u.a.).
1914
Nach einer Volkszählung leben in
Rußland insgesamt 2.416.290 Deutsche. Ohne das Baltikum,
Ostpolen und Wolhynien sind es allein in Zentralrußland
über 1.700.000 Deutsche.
1.8.1914
Beginn des I. Weltkrieges. Das Deutsche
Reich wird zum Feind
des Zarenreiches erklärt. Etwa 300.000 Deutsche dienen
trotzdem in der russischen Armee. Obwohl sie russische
Staatsbürger sind, wird ihr Grundbesitz beschlagnahmt. Die
deutschen Ortsnamen werden 1914 durch russische ersetzt.
2.2.1915
Liquidationsgesetz: Die im Grenzstreifen
bis 150 Kilometer lebenden Deutschen sollen nach Sibirien umgesiedelt
werden. Über 50.000 Wolhyniendeutsche werden nach Sibirien
verschleppt.
27.5.1915
Pogrome gegen Deutsche in Moskau. Viele Geschäfte
werden geplündert, 40 Deutsche verwundet, drei ermordet.
15.3.1917
Abdankung Nikolaus II. durch die
Februar-Revolution. Aufhebung der Liquidationsgesetze durch die
Provisorische Regierung unter Ministerpräsident Lwow.
20.-23.4.1917
Erster gesamtdeutscher Kongreß
in der Geschichte der Deutschen aus Rußland in Odessa.
Gründung eines Zentralkomitees aller
Rußlanddeutschen (86 Vertreter der deutschen Siedlungsgebiete
aus 15 Gouvernements). 1. Kongreß der Wolgadeutschen in
Saratow; 2. Kongreß der Wolgadeutschen in Schilling.
7.10.1917
Bolschewistische Oktoberrevolution in
Petrograd. Beginn der Sowjetdiktatur Lenins. Sturz der Provisorischen
Regierung unter Kerenski.
3.3.1918
Frieden von Brest-Litowsk zwischen Deutschland und
Rußland. Repatriierungsklausel zugunsten der
Rußlanddeutschen. Auf Wunsch werden von deutscher Seite
Schutzbriefe an Volksdeutsche ausgestellt. Davon wissen aber nur sehr
wenige, und es gelingt nur einzelnen Personen, in den Westen zu kommen.
Verzicht Rußlands auf das Baltikum und Polen. Bessarabien
kommt zu Rumänien.
April 1918
Schaffung eines "Kommissariats für deutsche
Angelegenheiten an der Wolga" unter Leitung von Ernst Reuter.
1918
Laut einer Volkszählung leben in
Rußland 1.621.000 Deutsche.
16.7.1918
Ermordung der Zarenfamilie in
Jekaterinburg.
9.11.1918
Novemberrevolution in Deutschland. Abschaffung der Monarchie,
Abdankung von Kaiser Wilhelm II. Trotzkis kommunistische "Permanente
Weltrevolution" scheitert in Deutschland.
1919
Requirierung der gesamten Ernte durch die
Bolschewiken. Aufstände im Odessaer Gebiet gegen die Armee der
neuen Machthaber. So genanntes "Rotes Massaker" gegen die Bauern. Viele
Männer werden standrechtlich erschossen.
1920
Schließung des katholischen
Priesterseminars.
1921-1923
Größte
Mißernte und Hungersnot, bedingt durch Revolution,
Bürgerkrieg und Enteignung. Starke Auswanderung aus den
Siedlungsgebieten. Die Bevölkerungszahl der Deutschen
verringert sich um 26,5 Prozent.
1921-1927
Neue ökonomische Politik (NöP).
Vorübergehende Erholung in den deutschen Gebieten.
16.4.1922
Rapallo-Vertrag zwischen dem Deutschen
Reich und der Russischen Sozialistischen Föderativen
Sowjetrepublik (RSFSR) durch Rathenau und Tschitscherin. Gegenseitiger
Verzicht auf finanzielle Forderungen und Aufnahme von diplomatischen
Beziehungen.
30.12.1922
1. Sowjetkongreß verkündet die
Bildung der "Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken".
16.5.1923
Gründung des Allrussischen
Mennonitischen Landwirtschaftlichen Verbandes.
16.1.1924
Gründung der Autonomen
Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen (ASSRdWD) mit der
Hauptstadt Engels (Pokrowsk).
1926
Laut Volkszählung leben in der Sowjetunion 1.238.539
Deutsche. Letzte Versuche, über Sibirien und China nach
Amerika auszuwandern. Die USA stellen in Wladiwostok Schiffe zur
Verfügung. Ein Teil der Flüchtlinge wird unterwegs
gestoppt und bei Omsk und Tomsk angesiedelt.
1927
Gründung des Deutschen Rayons im
Altaigebiet. Deutsche Siedlungen am Amur; das sind zugleich die letzten
Siedlungsneugründungen.
1928
Beginn der Kollektivierung, Deportation der enteigneten
Mittelbauern in den hohen Norden und nach Sibirien.
Schließung der Kirchen.
Ende
1929
Rund 14.000 Deutsche aus allen Teilen des Landes kommen nach
Moskau in der Hoffnung, eine Ausreisegenehmigung zu erhalten. Nach
langen Verhandlungen werden 5.671 in Deutschland - nur zur Durchreise!
- aufgenommen und nach Nord- und Südamerika weitergeleitet.
Die anderen werden gewaltsam zurücktransportiert.
1930
ca. 50.000 Deutsche von der ersten
Massendeportation betroffen.
1932-1933
Zweite sowjetische Mißernte als Folge von
Zwangskollektivierung und Enteignung. Ungezählte Deutsche an
der Wolga und in der Ukraine sterben den Hungertod.
1933-1939
Terrorwelle sichert Stalins
Alleinherrschaft. Das Moskauer Hotel "Lux" wird Exilort deutscher
Kommunisten aus dem Mutterland.
1935
600 Deutsche werden aus Aserbaidschan nach Karelien
deportiert.
1936
Verband der Deutschen aus Rußland e.V. in
Deutschland gegründet.
1937
Sämtliche deutsche Kirchen entweiht; kein deutscher
Pfarrer mehr im Amt.
1937-1938
Dunkelstes Kapitel für die Rußlanddeutschen
in der Vorkriegszeit. Zahlreiche Todesopfer unter der deutschen
Bevölkerung während der stalinistischen
"Säuberungen".
1938
In allen deutschen Schulen außerhalb der
Wolgadeutschen Republik wird Russisch bzw. Ukrainisch als
Unterrichtssprache eingeführt.
1938-1939
Auflösung aller deutschen Rayons
außerhalb der ASSRdWD.
23.8.1939
Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen
Nichtangriffspaktes
durch die Außenminister von Ribbentrop und Molotow.
1.9.1939
Beginn des II. Weltkrieges.
Nach
einer
Volkszählung leben in der Sowjetunion 1.424.000 Deutsche in
überwiegend geschlossenen Siedlungen (95 Prozent Deutsch als
Muttersprache).
1940
80.000 Deutsche verlassen Bessarabien und siedeln sich im
Wartheland (Warthegau) an. Bessarabien und die Baltischen Staaten
werden der UdSSR einverleibt.
22.6.1941
Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges.
Odessa wird
im Sommer
von deutschen und rumänischen Truppen belagert und von der
Roten Armee nach 69 Tagen aufgegeben.
Deutsche von der Krim,
aus dem
Kaukasus und den Teilen des Schwarzmeergebietes östlich des
Dnjeprs werden nach Sibirien und Mittelasien deportiert.
19.7.1941
Stalin übernimmt den Posten des
Volkskommissars für Verteidigung und somit auch das
Oberkommando über die Rote Armee.
8.8.1941
Einmarsch rumänischer Truppen im
westlichen Schwarzmeergebiet; die Kirchen werden wieder
geöffnet.
25.8.1941
Die Deutsche Wehrmacht besetzt Dnjepropetrowsk. Die Deutschen
westlich des Dnjeprs entgehen weitgehend der Verbannung.
28.8.1941
Der berühmt-berüchtigte
Erlaß des Obersten Sowjets der Sowjetunion führt zur
Auflösung der Republik der Wolgadeutschen und zur totalen
Deportation der Bevölkerung nach Sibirien und Mittelasien in
die Lager der Trudarmee. Innerhalb von zehn Tagen werden rund 350.000
Wolgadeutsche in die Ostregionen der UdSSR verschleppt.
1941-1946
Knapp eine Million
Rußlanddeutsche sind vom Schicksal der Deportation betroffen.
Eine Unzahl von Menschen fällt diesem Wahnsinn zum Opfer. Die
Familien werden getrennt.
30.8.1941
Gebiet zwischen Dnjestr und Bug einschließlich
Odessa unter rumänischer Verwaltung laut Vereinbarung mit dem
Deutschen Reich. Das Gebiet nennt sich Transnistrien. Darin eingebunden
sind die alten deutschen Mutterkolonien der Großliebentaler,
Kutschurganer, Glückstaler und Beresaner. Ausstellung von
Volkstumsausweisen an die deutsche Bevölkerung.
5.10.1941
Die Rote Armee verläßt
das linke Dnjeprufer. Die Ukraine steht unter deutscher Verwaltung.
Bildung des Reichskommissariats Ukraine unter Leitung von A. Rosenberg.
Februar 1943
Schlacht bei Stalingrad, Wende an der Ostfront.
1943-1944
Einberufung von rußlanddeutschen
Wehrfähigen in die Deutsche Wehrmacht.
März
- April 1944
Mit dem Rückzug der Deutschen Wehrmacht werden rund
350.000 Deutsche aus der Ukraine und Transnistrien im Warthegau
angesiedelt, einige von ihnen auch im Sudetengau. Erwerb der deutschen
Staatsangehörigkeit.
10.4.1944
Rückeroberung Odessas durch die Rote Armee.
September
1944
Sämtliche eingebürgerten wehrpflichtigen
Männer werden eingezogen.
12.1.1945
Beginn der sowjetischen Winteroffensive.
Flucht nach Westen. Ankunft in Dörfern in Sachsen,
Thüringen und Brandenburg.
April
1945
Die Amerikaner besetzen ganz Thüringen und einen
großen Teil Sachsens. Später, gegen Ende Juni 1945,
ziehen sie sich zurück und überlassen Sachsen und
Thüringen den Sowjets.
9.5.1945
Bedingungslose Kapitulation der Deutschen Wehrmacht in
Berlin-Karlshorst.
5.6.1945
"Berliner Erklärung" der vier Siegermächte:
Einteilung Deutschlands in vier Besatzungszonen.
Juni
- Juli 1945
Massenweise Zurückverschleppung der
Rußlanddeutschen aus allen Besatzungszonen nach Sibirien und
Mittelasien.
2.8.1945
Unterzeichnung des "Potsdamer Abkommens". Vereinbarung,
daß jede Besatzungsmacht "ihre" Bürger ins eigene
Land zurückbringen darf. Für jeden ehemaligen
Sowjetbürger deutscher Nationalität, der aus
Deutschland deportiert wird, werden 200 US-Dollar Kopfgeld als
Kriegsschuld für Deutschland angerechnet.
1947
Durch eine Wirtschaftskrise und die
Mißernte von 1946 bricht in der UdSSR eine katastrophale
Hungersnot aus. Gewaltige Zahl von Todesopfern unter den
Rußlanddeutschen in den Lagern der Trudarmee.
26.11.1948
Dekret des Obersten Sowjets: Verbannung
der Rußlanddeutschen auf "ewige Zeiten" festgeschrieben;
Verlassen der Ansiedlungsorte ohne Sondergenehmigung mit Zwangsarbeit
bis zu 20 Jahren bedroht.